96  Nahrungsmittel.

schon  ausgeführt;  es  wird  zu  einem  schädlichen  Genußmittel,  wenn  man  es
ohne  innere  Notwendigkeit,  d.  h.  ohne  im  chemischen  Sinne  ergänzen  zu
wollen,  genießt.  Die  Berechtigung  des  Kochsalzes  liegt  nur  in  der  Ergänzung,
indem  wir  Natrium  dort  zuführen,  wo  Kali  überwiegt,  und  die  normalen
Nährsalze  fehlen.  Wo  dies  nicht  der  Fall  ist,  ist  es  nicht  notwendig,  und
Salzhunger  wird  sich  nicht  entwickeln.

Der  Zucker  aber  ist  ein  Nahrungsmittel,  wenngleich  auch  geschmack—
verbessernd  und  versüßend,  und  es  führt  zu  falschen  und  gesundheitsschädlichen
Vorstellungen,  wenn  wir  in  ihm  nur  ein  versüßendes  Gewürz  erblicken.  Die
eigentlichen  Gewürze  sind  Genußstoffe,  die  den  Organismus  bald  wieder  verlassen;
  der  Zucker  aber  kommt  ins  Blut  und  wird  dort  verbrannt.

Auch  des  Essigs  müssen  wir  noch  mit  einigen  Worten  gedenken,  da
er  unter  die  „Würzen“  eingereiht  werden  kann.  Er  entsteht  durch  Umwandlung
  des  Weingeistes  (Alkohols)  in  Essigsäure  unter  Zutritt  des  Sauerstoffs
der  Luft.  Wie  bei  anderen  chemischen  Vorgängen  spielt  auch  hier  ein  Pilz
mit,  der  sogen.  „Essigpilz“.  Der  Essigbildung  muß  daher  die  Alkoholgärung
  vorangehen,  und  jeder  kann  sich  selbst  Essig  bereiten,  wenn  er  zuckerhaltige
  Körper  zur  Verfügung  hat.  Man  kennt  daher  die  verschiedensten
Essigarten,  je  nach  ihrem  Ursprung.  Als  der  beste  und  tenerste  gilt  der
„Weinessig“,  aus  unverfälschtem  Traubenwein  hergestellt.  Der  billigste
Essig  ist  der  Obstessig,  dessen  Bereitung  Dr.  Walser  folgendermaßen.
angibt:

„Fallobst  bringe  in  ein  Fäßchen  und  übergieße  es  mit  so  viel  kochendem
  Wasser,  daß  das  Obst  bedeckt  ist.  Ist  es  recht  warm,  so  bringe  das
Fäßchen  an  die  Sonne  und  bei  kühler  Witterung  in  die  Nähe  des  Ofens;
denn  Wärme  und  Feuchtigkeit  begünstigen  die  Essiggärung.  In  zwei  Monaten
hast  du  einen  herrlichen,  billigen  Obstessig.“

Man  braucht  ihn,  um  gewissen  Gerichten  einen  säuerlichen  Geschmack
zu  verleihen,  und  wird  wie  mit  anderen  Würzen  auch  mit  ihm  viel  Unfug
getrieben.  Außerdem  ist  er  aber  auch  vielen  Fälschungen  unterworfen;  so
versetzt  man  ihn  beispielsweise  mit  Salz  und  Schwefelsäure  und  mischt  Farbstoffe
  bei,  um  ihm  ein  besseres  Aussehen  zu  verschaffen.

Der  reine  Obstessig,  tropfenweise  zugefügt  und  nicht  täglich  genossen,  ist
gesunden  Mägen  gewiß  nicht  schädlich;  der  übermäßige  Genuß  aber,  insbesondere
  von  schlechten  Sorten,  muß  natürlich  die  Magenwand  reizen  und
schließlich  zu  einem  Säuregehalt  des  Blutes  führen,  der,  wenn  auch  nur  vorübergehend
  wirksam,  doch  schließlich  zur  Schrumpfung  und  Schädigung  der
uns  unentbehrlichen  roten  Blutkörperchen  beiträgt.

Nervöse  und  blutarme  Mädchen  und  Frauen  sind  sehr  oft  „essigsüchtig“.

Man  entziehe  solchen  jeglichen  Essiggenuß,  gewöhne  sie  an  ungesäuerte
Gerichte  und  gestatte  nur  zeitweilig  Zitronen  säure.

Auch  diese  ist  scharf  und  durchaus  nicht  für  jeden  Magen  empfehlenswert.