Nahrungsmittel.  101

Was  hat  darüber  zu  entscheiden?  Nicht  Gewohnheit  und  individueller  Geschmack,
  nicht  der  Wunsch  des  Hausherrn  oder  der  Glaube  der  Hausfrau,
sondern  die  chemische  Beschaffenheit  der  Nahrungsmittel.

Wir  wissen,  daß  Eiweiß,  Zucker  oder  Mehl,  Fett  und  Salze  in  der
Nahrungsmenge  jedes  Tages  enthalten  sein  müssen,  wenn  wir  richtig  ernährt
sein  und  gesund  bleiben  wollen;  also  —  stelle  man  darnach  zusammen,  was  sich
ergänzt.  Das  Fette  gehört  zum  Fettarmen,  das  Eiweißreiche  zum  Eiweißarmen,
das  Mehlige  zum  Saftreichen,  das  Aromatische  zum  Geschmacksarmen  usw.
Es  ergänzen  sich  demnach  Kartoffel  und  Pilze,  Reis  und  Tomaten,  Kastanien
und  Apfel,  Trauben  und  Nüsse,  Kuchen  und  Apfelsinen,  Fleisch  und  Kartofsel
Wurst  und  Brot,  Eier,  Salat  und  Brot  und  anderes  mehr.

Zum  trockenen,  mehlreichen  Kuchen  „schmeckt“  deshalb  die  saftige,
duftende  Orange  vorzüglich;  denn  was  dem  Kuchen  fehlt,  hat  die  Orange;
zum  geschmacksarmen  Reis  paßt  die  säuerliche  Tomate  (Paradiesapfel);  beide
geben  ein  ebenso  nahrhaftes  wie  schmackhaftes  Gericht;  von  Trauben  und
Nüssen  allein  könnte  man  leben;  denn  sie  geben  uns  reichlich  Zucker,  Fett,
genügend  Eiweiß  und  anderes;  Eier,  Salat  und  Brot  enthalten  viel  Eiweiß,
Mehl,  Salze  und  Pflanzenfaser,  auch  Fett  und  sind  darum  eine  so  beliebte
Zusammenstellung.  Die  hier  angeführten  sind  überhaupt  nur  allbekannte  und
viel  gebrauchte,  durch  den  Instinkt,  nicht  durch  wissenschaftliche  Erwägungen
entstandene.  Es  gibt  aber  auch  andere,  sehr  gebräuchliche  Zusammenstellungen,
die  keine  wirkliche  Ergänzung  darstellen,  sondern  eine  übersättigung  mit  gleichartigen
  Nährstoffen  herbeiführen.  Das  ist  z.  B.  eine  Mahlzeit  aus  Fleisch,
Eiern,  Käse  und  Kompott.  Welche  Nährstoffe  enthält  sie?  Eiweiß  und  abermals
Eiweiß,  etwas  Zucker  in  kleinen  Mengen  übersüßer  Früchte  (denn  vom  Kompott
wird  ja  nur  genaschtl),  Fett,  Gewürze,  aber  keine  Pflanzenfaser,  viel  zu  wenig
Mineralien,  keine  Mehlstoffe.  In  dieser  Weise  ist  der  Tisch  jener  Wohlhabenden
bestellt,  die  nur  nach  dem  Genusse  fragen,  nicht  aber  nach  der  Wirkung  des
Genossenen  auf  ihre  Gesundheit:  Kaviar  und  Schinken,  Butter  und  Gewürze  aller
Art,  täglich  zwei=  bis  dreierlei  Braten  von  Wild,  Vögeln  und  Rind,  feinstes
Gebäck  (aus  viel  Eiern,  Butter  und  Zucker  angefertigt,  also  eiweißreich  und
schwer  verdaulich),  Gemüse  und  Früchte,  entweder  in  kleinsten  Mengen  oder
ausgewässert  und  kaum  kenntlich  durch  so  viel  künstliche  Zubereitung  und  würzige
Zusätze.  Wenn  man  Hausfrauen  mit  vollem  Portemonnaie  in  Delikatessenhandlungen
  einkaufen  sieht,  da  wird  man  erst  klar  darüber,  welche  Unmengen
von  Leckerbissen  und  eiweißreichen  Raritäten  in  den  Häusern  der  Reichen
vertilgt  und  wie  sehr  dadurch  so  viele  Verdauungsleiden  erklärlich  werden,
von  welchen  jetzt  fast  niemand  mehr  frei  ist,  der  nach  gewöhnlichen  Begrissen
einen  sogenannten  „guten  Tisch“  führt.  Eiweiß  und  Fett,  Fett  und  Eiweiß,
das  sind  die  Nährstoffe,  die  so  sehr  vorherrschen  und  die  in  Leber  und
Darm  so  viele  Beschwerden  verursachen,  indem  sie  sich  immer  wieder  anhäufen,
die  Nieren  sehr  anstrengen  und  so  viel  Harnsäure  entwickeln.  Diese  müssen