126  Sonnenlicht  und  Sonnenwärme.

Ihr,  die  ihr  so  gleichgültig  seid  gegen  die  Natur  um  euch,  gegen  Ursache
  und  Wirkung  aller  Lebenserscheinungen,  lernt  die  Sonne  mit  dankbaren
Blicken  begrüßen  und  verlacht  jene  Völker  nicht,  welche  die  Sonne  anbeteten.

Ihre  Gebräuche  kamen  der  Wahrheit  näher  als  die  unserigen.

Was  lockt  der  Sonnenstrahl  nicht  alles  aus  dem  Erdboden  hervor,  was
für  herrliche  Blüten  und  Früchte  läßt  er  reifen,  deren  Farbenpracht,  deren
Düfte  jedes  empfängliche  Menschenherz  entzücken,  —  wie  zaubert  er  Gesundheit,
  Frohsinn  und  Schönheit  auf  das  Antlitz  der  Menschen,  und  wie  elend  läßt
er  sie  verkümmern,  bleich  und  häßlich  werden,  wo  er  sie  nie  erreicht,  —  wie
durchwärmt  er  die  Glieder  und  gibt  neue  Kräfte,  belebt  den  Schwachen  und
heilt  den  Kranken!  Wie  jauchzt  die  Menschheit  auf,  wenn  es  wieder  Frühling
wird  und  wenn  nach  langer  Trübe  die  Sonne  wieder  hell  am  Himmel  scheint!
Wie  die  Mücken  und  Käfer  tummeln  sich  auch  die  Kinder  am  liebsten  im  Sonnenschein,
  und  alles  badet  und  genießt  diese  ersten  Sonnenstrahlen!

Und  diese  Leben  spendenden  Strahlen  wollt  ihr  durch  dichte  Kleider,
Hüte,  Sonnenschirme,  durch  dunkle  Fenstervorhänge  von  euch  abhalten?  Hier
ihr  grelles  Licht  fürchtend,  dort  ihre  „Teint  verderbende“  Wirkung  usw.
Welche  Verwirrung,  welche  krankhafte  Überkultur!  Ein  anderes  ist  es  in  den
Tropen,  wo  die  sengende  Glut  derselben  durch  übermaß  an  Spende  Mensch
und  Tier  zu  vernichten  droht.  Da  muß  man  Schutzvorrichtungen  errichten
und  kühlen  Schatten  aufsuchen,  um  nicht  vollends  zu  ermatten.  Auch  bei  uns
gibt  es  Tage,  wo  man  Ahnliches  tut  und  mit  Recht  Kühlung  sucht;  aber  im
ganzen  sind  übermäßig  heiße  Tage  bei  uns  selten,  während  die  „angenehme“
oder  „spärliche“  Sonne  das  Vorherrschende  im  ganzen  Jahre  bildet.

Reines  Sonnenlicht  tötet  Bakterien,  die  im  Dunkeln  und  wo  die  Lüftung
fehlt  am  besten  gedeihen,  daher  auch  das  alte  Sprichwort:  „Wo  die  Sonne
scheint,  kommt  der  Arzt  nicht  hin!“  Das  Sonnenlicht  wirkt  auf  die  Bewegung
des  Blutes  und  die  Bildung  von  Blutkörperchen  ein  und  erzeugt  daher  eine
warme  blutreiche  und  gerötete  Haut,  während  die  blutleere  Haut  kalt  und
blaß  ist.  Die  Licht=  und  Wärmestrahlen  erregen  und  beleben  die  Sinnesorgane
  und  das  Nervensystem  und  fördern  deshalb  alle  Lebensvorgänge.

Man  sollte  daher  Kranke  und  Schwache  nicht  in  verdunkelte.  Zimmer
legen  und  Säuglinge  vor  jedem  Sonnenstrahl  hüten,  sondern  ebenso  wie
frische,  reine  Luft  zu  ihnen  beständigen  Eintritt  haben  sollte,  damit  sich  ihre
Ausdünstungsstoffe  in  ihrer  Umgebung  nicht  anzusammeln  vermögen,  so  sollten
auch  Kinder  und  Kranke  täglich  direkt  in  die  Sonne  gelegt  werden,  um  ihren
belebenden  Einfluß  zu  genießen.  Wie  anders  würden  sie  da  gedeihen  und  wie
würde  sich  ihr  Aussehen  verändern!

In  der  zweiten  Abteilung  „Das  Kind“  werden  wir  näher  auf  die  Behandlung
  des  Kindes,  hinsichtlich  Bekleidung  und  Sonnenwärme,  eingehen.
Da  „in  der  Luft  und  in  der  Sonne  baden“  aber  auch  allen  Gesunden
ebenso  genußreich  wie  wohltätig  ist  und  da  solches  Baden  dem  Urzustande