128  Sonnenlicht  und  Sonnenwärme.

Wer  aber  gesund  bleiben  will,  der  wartet  mit  den  „Lichtluftbädern“
nicht  erst,  bis  er  es  nötig  hat,  in  eine  Heilanstalt  zu  gehen,  sondern  badet
im  Sonnenlichte,  so  oft  er  es  nur  kann.  Eine  unerwartete  Kräftigung  und
Erfrischung  wird  sein  Lohn  sein.

Ein  Schweizer,  namens  Rikli,  hat  das  Verdienst,  am  eigenen  Leibe
die  Wirkung  der  Luft  und  Sonne  nicht  nur  erprobt,  sondern  zum  erstenmal
auch  für  andere  verwertet  zu  haben.  Er  heilte  sich  damit  von  schwerem  Lungenleiden
  und  erhielt  sich  so  kräftig,  daß  er  noch  als  Siebziger  hohe  Berge,
nahezu  im  Adamskostüme,  im  tauigen  Morgen  mit  Leichtigkeit  erklomm.  Von
einer  in  Veldes  im  österreichischen  Krain  errichteten  Heilanstalt  aus  verbreitete
  sich  sein  Verfahren  im  Laufe  von  30  Jahren  über  ganz  Deutschland,
und  Tausende  haben  bei  ihm  am  reizenden  Veldeser  See  Heilung  und
Kräftigung  gefunden.  Sein  Verfahren  bestand  darin,  daß  er  die  Kranken
unbekleidet,  ohne  Schuhe  oder  Hut,  die  Männer  mit  Lendenbinden  versehen,
die  Frauen  mit  kurzen  Tüllhemdchen  bedeckt,  je  nach  Zustand  und  Krankheit,
zuerst  einige  Minuten,  dann  bis  zu  einer  Stunde  im  Tau  oder  in  kühler  Luft
sich  bewegen  ließ  und  nach  wiederholter  starker  Abkühlung  der  Haut  (die
dann  stets  die  bekannte  „Gänsehaut“  hervorrief)  für  kräftige  Erwärmung
durch  Sonnenbad  oder  Dampfbad  Sorge  trug.  Diese  Kur,  besonders  die
künstliche  Erwärmung  war  anstrengend  und  keineswegs  für  jedermann  geeignet,
sie  nützte  aber  vielen  wesentlich.  Wer  Dampf=  oder  Wannenbad  nachher  nicht
vertrug,  konnte,  wohlbekleidet,  durch  Bergsteigen  die  nötige  Wiedererwärmung
erzielen.  Ausbleiben  durfte  sie  aber  niemals,  weil  nur  dadurch  eine  „Hautgymnastik“
  getrieben  wurde,  die  von  eingreifender  Wirkung  war.  Hatte  die
Kälte  zuerst  zusammenziehend  gewirkt,  so  hatte  die  Erhitzung  und  der  Schweißausbruch
  darnach  wieder  alles  Blut  nach  der  Haut  gezogen  und  eine  kräftige
Tätigkeit  der  Schweißdrüsen  eingeleitet.

Das  Verweilen  in  ausgekleidetem  Zustand  bei  reichlicher  Bewegung  im
Luftbade,  Ballspiel,  Turnen  usw.  verscheucht  das  Frösteln  sehr  bald,  man
wird  sogar  trotz  mangelnden  Kleiderschutzes  sehr  bald  ganz  warm;  die  Wärmeausstrahlung
  ist  bedeutend,  die  Hautatmung  erhöht  und  der  Appetit  nachher
besonders  lebhaft.  Eine  stärkere  und  künstliche  Wiedererwärmung  nach  beendetem
  Luftbade  ist  also  nur  bei  gewissen  Krankheitszuständen  angezeigt.

Hervorgehoben  muß  noch  werden,  daß  der  Lichteinfluß,  also  die  Sonnenstrahlen,
  die  Sauerstoffaufnahme  und  Kohlensäureabgabe  des
Körpers  vermehrt,  und  daß  sich  allein  dadurch  die  Besserung  des  Allgemeinzustandes
  erklärt.  Zum  allgemeinen  Verständnis  der  Wärmeverhältnisse  sei
noch  erinnert,  daß  jeder  warme  Körper  sowohl  durch  Leitung,  bei  Berührung
  mit  weniger  warmen  Körpern,  als  auch  durch  Strahlung,  also
ohne  Berührung,  Wärme  abgibt.  Durch  die  Kleidung  wird  die  Strahlung
ganz  oder  teilweise  verhindert,  auch  ist  die  Ableitung  unserer  Wärme  oft  sehr
gering  weil  unsere  Kleider  zumeist  aus  schlecht  leitenden  Stoffen  bestehen;