146  Kleidung.

Viel  gesuchter,  unschöner,  unpraktischer  erscheint  bereits  Fig.  74,  die
byzantinische  Tracht,  welche  jahrhundertelang  die  herrschende  war.  Der
Rock  ist  dem  modernen  merkwürdig  ähnlich,  der  Mantel  weder  römisch  noch
germanisch,  aber  bei  herabhängenden  Armen  ein  häßliches,  ungeschicktes  Ding.
Schöner  hat  ihn  und  neuartiger  die  Französin  aus  dem  11.  Jahrhundert,
bei  der  wir  zum  erstenmale  die  deutlich  durchgeführte  Trennung  zwischen
Ober=  und  Unterkörper  finden.  Ersterer  hat  eine  faltenlose  Bedeckung,  im
grellsten  Gegensatz  zu  den  drei  ersten  Figuren,  und,  dies  ist  beachtenswert,
sie  zeigt  uns  den  Anfang  der  französischen  „Taille",  einer  Grundform  der
weiblichen  Kleidung,  die  das  ganze  zweite  Jahrtausend  beherrscht.  In  den
denkbarsten  Veränderungen  finden  wir  die  Taille  in  den  späteren  Jahrhunderten.
  Rund  und  spitz,  breit  und  schmal,  glatt  und  faltig,  vom  Natürlichen
  zum  Mißgestalteten  aufsteigend,  wie  in  Fig.  76,  80  und  81.  Den
langen  schmalen  Armel  führte  die  Französin,  Fig.  75,  ein,  die  schleppenden
Gewänder  wechseln  mit  den  anstoßenden;  den  ersten  „fußfreien“  Rock  sehen
wir  bei  der  Französin  im  Reifrock  1780,  dann  zu  Anfang  unseres  Jahrhunderts
  bei  Fig.  86  und  87.  Die  Armel  fangen  erst  vom  11.  Jahrhundert
an,  eine  bedeutende  Rolle  zu  spielen;  entweder  hängen  sie  in  doppelter  Schichte
mit  größter  Stoffverschwendung  bis  zum  Boden  herunter  (siehe  Fig.  75  und  77),
oder  sie  werden  zu  Riesenpuffen  aufgebauscht,  wie  bei  Fig.  79,  87  und  91,  und
verschieben  die  natürlichen  Verhältnisse  der  menschlichen  Gestalt  vollständig.
Dann  sind  es  die  Kopfbedeckungen  und  Haartrachten,  die  grellem  Wechsel  unterliegen
  und  nur  selten  natürliche  Schönheit  zeigen.  Anmutig  ist  der  Kopf  der
Deutschen,  Fig.  82,  mit  breiter  natürlicher  Taille  (1640);  nicht  ohne  Reiz  der
Kopf  der  Französin,  Fig.  86,  so  wie  überhaupt  deren  ganze  Kleidung  natürliche
Verhältnisse  und  zierlichen  Schmuck  zeigt;  bescheiden  ist  das  Hütchen  der  Fig.  86.
Abscheuliche  Karikaturen  dagegen  sind  Fig.  80,  81,  83,  84,  88  usw.

(Werfen  wir  schnell  einen  Blick  auf  Fig.  71,  72  und  73,  damit  wir
den  Glauben  an  die  menschliche  Schönheit  nicht  einbüßen  und  die  nachfolgenden
  Abbildungen  besser  zu  beurteilen  vermögen!)

Die  Herrschaft  des  Schnürleibs  ist  bereits  zu  sehen  am  Ende  des
18.  Jahrhunderts,  also  bei  Fig.  84,  wo  es  übrigens  noch  minderwertig  auftritt,
  dann  in  deutlichster  Weise  bei  Fig.  87,  90  und  91;  vorher  ist  besonders
bei  den  deutschen  Trachten  eine  beruhigende  Breite  an  der  Leibesmitte  zu
konstatieren,  so  bei  Fig.  75,  79,  82,  86.

Mit  einiger  Genugtuung  können  wir  gerade  an  der  Hand  unserer  Abbildungen
  nachweisen,  daß  die  ärgsten  Ausschreitungen  in  der  weiblichen  Bekleidung
  von  Französinnen  erdacht  wurden,  so  der  Reifrock  (Krinoline),  das
Korsett,  die  hohen  Hackenschuhe,  Fig.  84,  der  überladene  Putz,  wie  beim
Rokoko-Kostüm  usw.  Zierlichkeit  und  Eleganz  läßt  sich  der  Französin  jedoch
meist  nicht  absprechen;  verschiedene  deutsche  Trachten  dagegen  machen  einen
plumpen  Eindruck.  Man  vergleiche  z.  B.  Fig.  78,  die  langweiligen,  steifen