170  Wohnung.

auch  nachts  geöffnet  würden,  wenn  man  die  Betten  öfter  in  die  Sonne  legte,
wenn  nie  mehr  als  höchstens  zwei  Menschen  in  einem  Raume  zusammen—
schliefen,  wenn  man  niemals  Ansammlungen  von  Speiseresten,  schmutziger
Wäsche,  industriellen  Abfällen  (bei  Handwerkern),  Ausdünstungen  der  Abtritte
  usw.  duldete;  ja,  dann  wäre  es  noch  nicht  so  schlimm.  Aber  vor  der
„bösen  Nachtluft“  fürchten  sich  die  Menschen;  ein  sonniger  Hof  oder  offener
Gang  am  Hinterhause,  wie  man  sie  in  Österreich  oft  an  allen  Stockwerken
findet,  ist  selten  vorhanden;  die  Räume  sind  nicht  zahlreich,  so  daß  sehr
oft  drei,  vier,  ja  mehr  Personen  in  einem  Raume  schlafen  müssen;  die
Küchen  werden  nicht  rein  genug  gehalten,  die  Abtritte  sind  schlecht  gebaut
und  geben  oft  geradezu  furchtbare  Dünste  ab,  —  wo  ist  da  Gelegenheit,
Betten  zu  sonnen,  wo  eine  Möglichkeit,  einigermaßen  reine  Luft  zu  erhalten?!
  In  unglaublicher  Luft  leben  alte  und  junge  Menschen  jahrzehntelang,
  und  wenn  Türen  und  Fenster  oft  nicht  so  schlecht  schlössen  oder  so
viele  Personen  nicht  viele  Stunden  anßerhalb  der  Wohnungen  zu  leben
gezwungen  wären,  so  würden  Krankheit  und  Elend  noch  viel  häufiger
auftreten.

.  Es  wird  angegeben,  daß  in  feuchten  Kellerwohnungen  von  1000  Einwohnern
  25  sterben,  im  ersten  Stock  aber  nur  21,  im  vierten  Stock  dagegen,
also  in  Dachwohnungen,  28.  Unten  fehlt  Licht  und  herrscht  Feuchtigkeit  und
Moder,  oben  aber  gibt  es  Wärmestauung  oder  zu  viel  Abkühlung.  In
Keller=  und  Dachwohnungen,  wo  die  Armut  herrscht,  stellen  sich  daher  die
meisten  Erkrankungen  ein,  die  höchste  Sterblichkeit.  (Andere  Ursachen  wirken
auch  noch  mit.)

Aus  solchen  Tatsachen  muß  man  lernen,  noch  mehr  aber  von  dem
Aussehen  der  Menschen,  die  unter  solchen  Verhältnissen  leben;  denn  es  sterben
nicht  alle  gleich,  die  ein  halbes  Leben  dahinsiechen.

Und  so  gelangen  wir  zur  Beantwortung  der  Frage:  wie  sollen  unsere
Wohnungen  beschaffen  sein,  damit  sie  genügend  warm  und  schützend  und
dennoch  nicht  ungesund  werden?

Zuerst  kommt  die  Lage  des  Hauses  in  Betracht.  Infolge  der  Einflüsse
  der  Grundluft  und  des  Grundwassers  sei  es  nie  zu  tief  erbaut;
es  wird  gesünder  sein,  wenn  es  an  einem  Bergabhang  steht,  oder  im
Tale  an  einer  erhöhten  Stelle.  Dann  ist  der  Einzelbau  dem  Reihenbau,
  also  das  Villensystem,  entschieden  vorzuziehen,  wie  wir  es  in  München,
Dresden,  Wien  und  anderen  Städten  in  neuen  Anlagen  schon  finden.
Jedes  Haus  ist  mit  Garten  umgeben;  Luft  und  Sonne  dringen  von  allen
Seiten  ein;  enge,  düstere  Gassen  sind  bei  solcher  Anlage  unmöglich,  dumpfige
lichtlose  Räume  gleichfalls.  Die  das  Haus  umgebenden  Pflanzen  aber,
Bäume,  Sträucher,  atmen  Sauerstoff  aus  und  tragen  wesentlich  zur  Verbesserung
  der  Luft  bei.  Man  braucht  bei  solcher  Bauart  freilich  mehr
Raum,  und  die  menschlichen  Wohnungen  breiten  sich  viel  mehr  aus,  aber