Ruhe  und  Bewegung.  177

Mann  und  Kinder  beständig  zu  sorgen  haben,  auch  wenn  der  eigene  Körper
dem  Zusammenbruche  nahe  ist.  Ihnen  fehlt  Schlaf  und  Ruhe  vor  allem!
Vierwöchentliche  Pflege,  Entfernung  vom  Hause,  Trennung  von  Mann  und
Kind  schaffen  aus  ihnen  neue  Menschen.  Nicht  Arzneien  verschreibe  man
solchen  Geschwächten,  sondern  reichlichen,  ungestörten  Schlaf  in  gesunder  Luft.

Für  kleine  Kinder  gilt  die  Regel,  sie  schlafen  zu  lassen,  solange  sie  selber
wollen;  für  größere  genügen  12  bis  9  Stunden,  und  zwar  schlafen  fünfjährige
12  Stunden,  neunjährige  10  Stunden,  zwölfjährige  9  Stunden.  Bis  zum
zwanzigsten  Jahre  können  9  Stunden  mit  großem  Vorteil  eingehalten  werden;
denn  solange  der  Körper  wächst  und  innere  Organe  nicht  vollständig  ausgebildet
  sind,  wird  genügender  Schlaf  nur  mit  Schädigung  der  Gesamtentwicklung
  entbehrt.

Auch  Ruhe  ohne  Schlaf  ist  dem  Körper  nach  getaner  Arbeit  Bedürfnis.
Immer  wiederkehrendes  Ruhebedürfnis  aber  ohne  vorhergegangene  Betätigung
ist  ein  krankhafter  Zustand,  der  in  irgend  einem  Mangel  oder  einer  Störung
des  Organismus  seinen  Grund  hat,  und  der  immer  ergründet  werden  sollte.
Die  Ermüdung  kann,  je  nach  der  Betätigung,  eine  allgemeine  oder  nur
örtliche  sein.  Zum  Beispiel,  wenn  wir  eine  Stunde  lang  Teig  geknetet
haben,  ermüden  die  Arme  derart,  daß  wir  ihnen  Ruhe  gönnen  müssen,  um
sie  zu  neuen  Leistungen  zu  befähigen;  der  ganze  Körper  ist  also  noch  nicht
ausgegeben;  zu  anderen  Verrichtungen,  die  andere  Muskelgruppen  beschäftigen,
  bleibt  er  befähigt.  Ist  man  einen  ganzen  Tag  lang  von  einer  Beschäftigung
  zur  anderen  gegangen,  hat  man  Beine,  Hände  und  Kopf  angestrengt,
  dann  ist  abends  eine  allgemeine  Ermüdung  fühlbar,  die  auch
vollständige  Ruhe  heischt.  Das  sind  also  wichtige  Unterschiede.

Sie  leiten  uns  auf  die  geheimnisvolle  Wirkung  der  Abwechslung,
durch  die  wir  uns  zu  einer  vielseitigen  Tätigkeit  befähigen.  Während  ein
Organ  tätig  ist,  ruht  ein  anderes,  und  auf  dieser  klugen  Verteilung  unserer
Kraftanwendung  beruht  die  Mehrleistung.  Man  kann  z.  B.  sehr  gut  drei
Stunden  schreiben,  darnach  eine  Stunde  häusliche  Arbeit  mit  leichter  körperlicher
  Anstrengung  verrichten,  darauf  eine  Stunde  lesen  und  dann  noch  ein
bis  zwei  Stunden  gehen;  man  wird  bei  solcher  Lebensweise  recht  frisch  bleiben,
nicht  abstumpfen,  wie  dies  bei  eintöniger,  anhaltender  Arbeit  so  ost  der  Fall
ist,  und  dadurch  verschiedenen  Anforderungen  genügen.  Daher  sind  Arbeiter,
höherer  oder  niederer  Qualität,  die  acht  bis  zehn  Stunden  die  gleiche  Arbeit
verrichteten  (Bureauangestellte  u.  a.),  oft  trotz  mangelhafter  Muskeltätigkeit
von  ihrem  Tagewerk  viel  ermüdeter  als  eine  Frau,  die  unter  normalen  Verhältnissen
  mehrere  und  ganz  verschiedene  Geschäfte  erledigte,  ohne  sich  jedoch
dabei  ganz  auszugeben  oder  sehr  anzustrengen.

Das  Leben  erfordert  ja  vielseitige  Betätigung  und  die  „einseitigen“
Menschen  sind  beklagenswert  in  jeder  Hinsicht,  nicht  nur  weil  sie  anderen  so
wenig  nützen,  sondern  weil  sie  sich  selbst  so  häufig  durch  ihr  Unvermögen

Die  Frau  als  Hausärztin.  12