Ruhe  und  Bewegung.  179

müssen  Gymnastik  unter  ärztlicher  Leitung  üben,  Gesunde  können  und  sollen
sich  auch  bei  geringen  Mitteln  nicht  ganz  zu  Haussklaven  machen,  sondern
zur  Erfrischung  des  Geistes  und  Körpers  immer  etwas  vernünftigen  Sport
nebenbei  betreiben.  Wenn  das  weibliche  Geschlecht  es  einmal  soweit  gebracht
hat,  daß  es  sich  Freiheit  und  Kraft  auch  für  solche  Betätigung  zu  erübrigen
weiß,  dann  wird  es  körperlich  kräftiger  und  geistig  interessanter  werden.
Möchten  sich  dies  alle  Frauen  gesagt  sein  lassen!

Unter  Gymnastik  (aus  dem  Griechischen)  versteht  man  geordnete,
systematische  Leibesübungen,  welche  nach  bestimmten  Regeln  ausgeführt  werden.
Sie  haben  den  Zweck,  die  Zirkulation  anzuregen,  die  Muskeln  zu  kräftigen,
den  Stoffwechsel  zu  heben  und  ermöglichen  eine  so  gleichartige  und  allseitige
Betätigung,  wie  sie  praktische  Arbeiten  niemals  schaffen,  weil  diese  mehr
oder  minder  nur  einzelne  Muskelgruppen  beschäftigen.  Die  Gymnastik  dient
daher  sowohl  zur  allgemeinen  Kräftigung,  wie  auch  zur  Stärkung  einzelner
geschwächter  oder  im  Wachstum  zurückgebliebener  Glieder.

Die  der  allgemeinen  Kräftigung  dienende  Gymnastik  kann  man  nach
eigenem  Studium  selbst  ausführen,  besonders  wenn  man  zur  Auleitung  ein
gutes  Buch  zur  Verfügung  hat  (z.  B.  Schrebers  Zimmergymnastik);  bei
ausgesprochenen  Krankheitszuständen  aber,  oder  bei  bestimmten  Aufgaben
(z.  B.  Verlängerung  eines  verkürzten  Gliedes)  ist  ärztliche  Leitung  nötig;
denn  nur  zu  leicht  wird  zu  viel  oder  zu  wenig  dabei  getan.  Auch
fehlt  den  Patienten  gewöhnlich  die  Exaktheit  in  der  Ausführung,  wenn
Aufsicht  fehlt.

Wir  geben  hier  nicht  eine  vollständige  Lehre  über  Gymnastik,  wie  sie
in  so  vielen  praktisch-hygienischen  Werken  enthalten  ist,  sondern  nur  eine
kurze  Übersicht  derjenigen  Hauptpunkte,  die  zum  Verständnis  ihres  Wesens
nötig  ist,  dann  eine  kurze  Anleilung  aller  wichtigen  ÜUbungen,  wie  sie  alle
Frauen  und  Mütter  kennen  sollten.

Man  teilt  alle  gymnastischen  übungen  ein  in  Freiübungen  und
Geräteübungen.  Erstere  werden  im  Stehen,  Liegen,  Sitzen  und  Gehen
ausgeführt,  als  einfache  und  zusammengesetzte  Ubungen  ohne  irgendwelche
Beihilfe.  Bei  letzteren  werden  mit  Hilfe  von  Geräten  ähnliche  Bewegungen
ausgeführt,  aber  unter  überwindung  gewisser  Widerstände;  so  wird  z.  B.
das  Gewicht  eiserner  Stäbe  oder  Hanteln  überwunden  bei  Ausführung  gewöhnlicher
  Schwingungen,  oder  es  werden  auf  Barren  und  Reck  allerlei
Bewegungen  ausgeführt,  welche  die  Muskeln  bedentend  anstreugen.  Vortrefflich
  ist  der  heilgymnastische  Apparat  „Werde  gesund“  von  Ingenieur  Fiedler.
Er  gibt  zu  aktiven  Arm-,  Bein=  und  Rumpfbewegungen  Gelegenheit  und  lann
in  jedem  geräumigen  Zimmer  aufgestellt  werden.  Für  ältere  Frauen  wird
der  viel  einfachere  Autogymnast  von  Dr.  Müller  empfohlen.

Aus  Wien  geht  uns  ein  gymnastischer  Apparat  zu,  der  unser  Interesse
verdient.  Es  ist  ihm  eine  Broschüre  „Wie  werde  ich  größer“  beigegeben,  die

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