188  Ruhe  und  Bewegung.

völkern  sieht  man  die  Frauen  das  Ruder  ebenso  geschickt  handhaben  wie
die  Männer.  Wettergebräunt,  furchtlos,  mit  kräftigen  Armmuskeln  versehen,
  trotzen  sie  im  kleinen  Kahne  Sturm  und  Wetter!  Auch  weibliche
Rudervereine  sollten  sich  bilden,  wo  Flüsse  zur  Verfügung  stehen,  und  nach
vollendeter  Tagesarbeit  sollten  auch  die  Frauen  eine  erfrischende  Kahnfahrt
machen,  natürlich  nicht  im  Korsett  und  Federhut,  sondern  im  vernünftigen
Sportsanzuge  und  das  Ruder  führend.  Welche  Wandlung  in  Gemüt  und
Kräftezustand  hätten  solche  Einrichtungen  auf  so  manches  weibliche  Wesen
zur  Folge.

Die  Atmung  ist  tief  beim  Rudern,  die  Verdauung  wird  durch  die  Bewegungen
  des  Oberkörpers  sehr  gefördert,  die  Armmuskulatur  wesentlich
gestärkt;  selbst  in  leichtester  Trikotkleidung  ist  die  Erwärmung  des  ganzen
Körpers  auch  bei  kalter  Luft  vollständig  und  die  Wärmeausstrahlung  bedentend;
  das  Auge  übt  sich  durch  den  Blick  in  die  Ferne;  Geistesgegenwart
entwickelt  sich,  wenn  es  gilt,  kleinen  Gefahren  zu  begegnen,  —  man  arbeitet
auf  dem  Wasser  nicht  nur  mit  den  Armen!

Man  könnte  das  Rudern  als  Gegensatz  des  Radelns  bezeichnen:  hier
Fortbewegung  mit  den  Armen,  dort  mit  den  Beinen,  in  beiden  Fällen  reichlicher
  Luftgenuß,  übung  im  Steuern  und  Lenken,  Beherrschung  der  Umgebung,
Muskelanstrengung.  Beide  Bewegungen  sind  nicht  für  alle  Personen  passend,
sie  können  sogar  sehr  schädlich  werden,  ebenso  wie  sie  andererseits  zur  Erhöhung
des  Lebensgenusses  beitragen  und  neue  Kräfte  zu  wecken  vermögen.  Man
unterscheide  daher  mit  Sorgfalt  und  hole  erst  ärztlichen  Rat  ein,  ob  man  in
zweifelhaften  Fällen  für  das  eine  oder  andere  passe.

Es  mehren  sich  in  neuester  Zeit  die  Berichte  über  schlechte  Rückwirkung
  des  Radfahrens,  und  man  spricht  viel  von  seiner  Schädlichkeit.
An  und  für  sich  kann  nichts  Schädliches  dabei  sein,  wenn  man  sitzend,
also  den  Rumpf  gestützt,  die  Beine  auf  und  nieder  bewegt;  es  fragt
sich  nur,  in  welchem  Zustande  man  sich  selbst  befindet  und  wie
man  das  „Radeln“  betreibt.  Die  heutige  Menschheit  ist  allerdings  vielfach
  so  geschwächt  und  hat  so  viel  verborgene  Mängel  an  sich,  führt  nebenbei
  auch  eine  so  verkehrte  Lebensweise  (Alkohol,  geschlechtliche  Ausschweifungen,
  Überarbeitung),  daß  es  wahrlich  kein  Wunder  ist,  wenn  für  diesen
und  jenen  das  Radfahren  ein  „Mehr“  wird,  das  er  nicht  mehr  zu  ertragen
vermag.

Als  zweites  kommt  hinzu  das  übertriebene  Fahren,  zu  rasch  und
zu  anhaltend.  Daß  dieses  die  Herzkrast  verbraucht,  liegt  nahe,  wie  bei  jeder
starken  Muskelanstrengung,  und  daß  ein  durch  andere  Einflüsse  schon  geschwächter
Mensch  das  übertriebene  Radfahren  nicht  mehr  schadlos  zu  bewältigen  vermag,
  ist  auch  begreiflich.  Also  halte  man  sich  diese  Umstände  alle  vor,  wenn
man  sich  ein  Urteil  bilden  oder  sich  über  „Mitmachen  oder  Nichtmitmachen“
entscheiden  will.