220  Pflege  der  Schönheit.

mit  ihrer  Toilette  und  den  Geschäften  für  ihre  eigene  so  wichtige  Person  nicht
fertig  wurden.  Neulich  aber,  als  sie  mit  peinlichem  Erstaunen  bemerkte,  wie
entzückt  ihr  Mann  von  der  interessanten  Französin  war,  mit  welcher  ungewohnten
Lebhaftigkeit  er  sich  mit  ihr  unterhielt,  da  schlich  es  fast  wie  Neid  in  ihre
Seele;  sie  empfand  den  letzten  Geburtstag  wie  eine  drückende  Last  und  seufzte
unwillkürlich:  „O  mein  Gott,  schon  vierzig  Jahre!“"

Nun  war  es  ihr  klar  geworden,  daß  ein  Unterschied  bestand  zwischen
Putzsucht  und  Gefallsucht  und  jener  Schönheitspflege,  welche  die  Erhaltung
der  Persönlichkeit  und  der  natürlichen  Vorzüge  zum  Ziele  hat,  und  alle  Gesundheitspflege
  erschien  ihr  nun  in  anderem,  viel  schönerem  Lichte.

Sie  beschaute  sich  im  Spiegel,  entdeckte  nicht  nur  kleine  Runzeln,  sondern
auch  Sommersprossen,  verschiedene  rote  Fleckchen  da  und  dort,  die  das  Gesicht
unrein  machten,  ach,  und  einen  kranken  Zahn  in  der  oberen  Reihe,  der
längst  der  ärztlichen  Behandlung  harrte,  dann  auch  die  häßliche  Zahnlücke
auf  der  rechten  Seite  oben,  die  sie  entschieden  älter  machte.  Kürzlich  hatte  ihr
ein  alter  Onkel  erst  gesagt,  sie  solle  sich  doch  zwei  neue  Zähne  einsetzen  lassen,
die  Lücken  fallen  unangenehm  auf  und  machen  eingefallene  Wangen.  Sie
hatte  nur  gelacht  darüber  und  nicht  einmal  nachgedacht  über  den  lästigen  Besuch
beim  Zahnarzt.  Jetzt  erschien  ihr  ihre  Nachlässigkeit  geradezu  unverzeihlich!

Sie  suchte  weiter  im  Spiegel!  Ach,  die  Haare  erst!  So  glatt  und
—  nunerträglich!  —  an  beiden  Seiten  grau  gesprenkelt.  Silberglänzende  weiße
Jäden  zogen  sich  deutlich  sichtbar  nach  dem  Knoten  hin  und  von  schönen
Wellen  oder  kleinen  Löckchen,  welche  die  Französin  so  reizend  kleideten,  war  keine
Spur.  Ach,  die  hatte  auch  noch  keine  weißen  Haare  trotz  ihrer  achtundvierzig.
Und  dann  die  Kleidung.  Aus  Sparsamkeit  war  sie  entschieden  zu  oft  in
dunkler  Kleidung  gegangen,  die  ja  so  alt  und  düster  macht,  während  helle
Farben  den  Menschen  so  ganz  anders  erscheinen  lassen.  Ja,  sie  wird  es  von
heute  an  auch  ganz  anders  damit  halten,  sie  wird  helle  Kleider  anlegen,  auf
anmutigen,  wenn  auch  bescheidenen  Putz  sehen  und  beweisen,  daß  man  mit
vierzig  noch  keine  „alte  Frau“  ist.  Nur  schnüren  wollte  sie  sich  nicht,  wie
die  Französin  es  getan.  Ihr  Mann  war  kräftig  und  noch  so  hübsch;  was
gäbe  das  für  ein  ungleiches  Paar,  wenn  sie  in  ein  paar  Jahren  wie  eine
Ruine  neben  ihm  herwandelte!  Nein,  dazu  darf  es  nicht  kommen;  sie  fühlte
sich  noch  jung,  noch  lebenslustig  und  war  doch  in  der  Jugend  gewöhnt,  zu
den  hübschen  Frauen  gerechnet  zu  werden.

Schleunigst  lief  sie  zum  Zahnarzt.

Inzwischen  kamen  die  Ferien  heran,  und  ihr  Mann  verreiste,  bevor  er  die
Wirkung  derselben  auf  seine  Frau  bewundern  konnte.  Im  Wartesalon  beim
Zahnarzt  erzählte  ein  älteres  Fräulein  von  einer  sogenannten  „Naturheilanstalt“,
die  jetzt  so  sehr  in  die  Mode  käme.  Es  wären  reine  „Jungbrunnen“,  meinte  sie.
Die  täglichen  Luftbäder  in  unsagbaren  Kostümen,  wo  man  Ball  und  Reif
spielte,  wie  die  Jungens  auf  der  Wiese,  die  erfrischenden  Wasserbäder,  die