Pflege  der  Schönheit.  221

wohltuende  Massage  und  das  herrliche  Barfußlaufen  morgens  im  Tan,  —
es  wäre  nicht  zu  schildern,  wie  das  alles  belebend  und  verjüngend  auf  die
Menschen  einwirke.  Sie  hätte  es  nie  geglaubt,  mit  ihren  zweinndfünfzig
Jahren  noch  so  lustig  und  beweglich  werden  zu  können.

Unsere  Vierzigerin  horchte  hoch  auf.

Bald  ließ  sie  sich  Schriften  kommen,  die  sie  näher  in  alles  einweihten.
Aber  ach!  zu  einer  „Kur“  in  einer  solchen  „Wunderanstalt“"  reichten  die
Mittel  nicht,  und  die  Kinder  konnte  man  auch  nicht  verlassen;  da  mußte
also  was  anderes  gefunden  werden.  Seitdem  der  Zahnarzt  ihr  Gebiß  hergestellt
  hatte,  gefiel  sie  sich  weit  besser;  ihr  Mut  war  nun  gewachsen,  und  sie
strebte  energisch  darnach,  jenem  Fräulein  nachzuahmen.  Die  Kinder  sollten
während  der  Ferien  so  wie  so  aufs  Land;  da  wollte  sie  die  Zeit  einmal  auch
für  sich  ganz  anders  ausnützen.  Mit  guten  Schriften  über  Gesundheits=  und
Schönheitspflege  ausgerüstet,  zog  sie  mit  ihren  Kleinen  hinaus  in  eine  eifache
  Sommerfrische,  die  aber  an  Naturschönheiten  reich  war.  Und  nun
wurde  der  „Kurplan“  aufgestellt.  Die  Fenster  ihres  Zimmers  gingen  nach
dem  Walde,  und  da  duftete  es  herrlich.  Seitdem  sie  gelesen  hatte,  wie
schädlich  es  sei,  in  geschlossener  Luft  zu  schlafen,  ließ  sie  sogar  nachts  die
Fensterflügel  weit  offen,  und  oft  sog  sie  nachts  die  würzige  Luft  mit  Entzücken
ein,  wenn  sie  zufällig  einmal  erwachte.  Was  hatte  man  doch  früher  nicht
alles  entbehrt,  weil  man  so  ängstlich,  so  voll  von  Vorurteilen  war!  Es  ist  richtig;
was  in  einem  Buche  steht:  „Gelb  und  ledern  wird  man,  wenn  man  lebenslänglich
  sauerstoffreiche  Luft  entbehrt.“  Sie  war  wirklich  auf  dem  besten
Wege,  auch  „gelb  und  ledern“  zu  werden.  Also  nachts  die  herrliche  Waldluft  im
Schlafzimmer.  Morgens  um  sechs  Uhr  aus  den  Betten  heraus  und  in  leichtester
Kleidung  auf  die  tauige  Wiese  am  Waldesrand.  In  Ermangelung  abgeschlossener
  „Luftbäder“  beschloß  sie,  ohne  Hemd  und  sonstige  Unterkleider,
nur  mit  einem  losen  und  dünnen  Sommerschlafrock  angetan,  ein  morgendliches
Luftbad  zu  nehmen.  Die  Kinder  wurden  ähnlich  gekleidet  und  waren  hochvergnügt
  über  den  Spaß.  Die  unbestrumpften  Füße  wurden  in  offene  Sandalen
gesteckt,  die  man  aber  sofort  abzog,  wenn  man  an  der  Wiese  war.  Und
nun  wurde  etwa  eine  halbe  Stunde  im  Tau  und  Sonnenschein  herumgestampft.
Die  Morgenluft  war  jedoch  meist  so  frisch,  daß  Mutter  und  Kind  bald  zu
frieren  begannen;  schien  die  Sonne  warm  genng,  dann  legten  sie  sich  an
einer  trockenen  Stelle  nieder  und  ließen  sich  von  den  Sonnenstrahlen  von
allen  Seiten  durchwärmen.  Reichte  diese  Wärme  nicht  aus,  was  oft  der  Fall
war,  da  erstiegen  sie  in  raschem  Tempo  den  nahen  Berg,  freuten  sich  tagtäglich
über  den  blauen  Himmel  und  die  schöne  Fernsicht  und  kamen  durch  und
durch  erwärmt,  von  Sonne  und  Luft  neu  belebt,  mit  einem  Wolfshunger
als  kleine  Zugabe  nach  Hause.  Wie  schmeckte  da  das  Frühstück!  Ganz  anders
als  in  der  Stadt  und  bestand  doch  nur  aus  frischer  Milch,  Obst  und  Schwarzbrot.
  Es  war  köstlich!