222  Pflege  der  Schönheit.

An  heißen  Nachmittagen  gingen  sie  zuweilen  nach  dem  nächsten  Waldbach,
  wo  zwischen  Büschen  kristallhelles  Wasser  floß,  in  welches  sie  in  lautem
Jubel  tauchten,  um  sich  so  des  Lebens  zu  freuen.  Ein  solches  Bad  im  Freien
ist  auch  nicht  annähernd  mit  einem  Wannenbad  zu  vergleichen,  und  wer  es
noch  nicht  genossen  hat  (wie  Hunderttausende  der  heutigen  Menschen!),  der
ahnt  nicht,  was  ihm  noch  unbekannt  geblieben.  Da  färbten  sich  die  Wangen
rot,  da  wurden  die  Glieder  so  frisch  und  der  Sinn  so  frei.  Kein  Wunder,  daß
auch  die  Augen  ungewohnten  Glanz  erhi  elten  und  neue  Jugendkraft  den  Körper
durchströmte.  Mittags  und  abends  gab  es  nicht  Braten  und  Bier,  sondern
grüne  Gemüse  mit  Mehlspeisen,  köstliches  Butterbrot,  frische  Eier  und  Milch.

Dadurch  reinigten  sich  auch  die  Säfte  des  Körpers,  und  alle  Organe
funktionierten  besser.  Zwei=  bis  dreimal  wöchentlich  wurden  dann  noch  größere
Ausflüge  in  die  Umgebung  unternommen,  wobei  man  ehrlich  schwitzte  und
oft  todmüde  nach  Hause  kam.  Das  ersetzte  künstliche  Schwitzbäder  in  vollkommenster
  Weise  und  schaffte  gründliche  Durchlüftung  des  Körpers.  Den
Gasthäusern  ging  man  meist  aus  dem  Wege,  Butterbrot,  Rettige,  harte  Eier,
Obst  und  Kuchen,  wurden  in  einem  Netze  mitgenommen  und  im  Walde  mit
großem  Behagen  verzehrt.  War  das  nicht  alles  schöner  und  billiger  als  die
gewöhnliche  Lebensweise  bei  gedecktem  Tisch  im  Hotel,  bei  lästiger  Kleidung
und  oft  quälender  Langweile?!

Was  der  Spiegel  unserer  deutschen  Frau  jetzt  sagte,  befriedigte  sie
immer  mehr;  doch  fehlte  es  noch  am  Teint  und  an  den  Haaren.  Da  begann
sie  allabendlich  mit  Cold-Cream  sich  zu  massieren  und  morgens  das  Gesicht
in  Boraxwasser  zu  baden;  die  Haare  aber  bestrich  sie  an  der  Stirn  etlichemale
  mit  einem  guten  Haarmittel,  worauf  die  „Zeichen  der  Greisenhaftigkeit"
verschwanden.  Um  täglichem  Haarbrennen  zu  enigehen,  versuchte  sie  es,  die
Haare  um  die  Stirne  locker  angeordnet  zu  tragen  und  sie  durch  warme
Kopfgüsse  und  Einpackungen  welliger  zu  gestalten.  Es  entstanden  dadurch
zwar  noch  keine  Löckchen,  aber  die  Haare  wurden  natürlich  schön,  weicher,
und  ein  gelegentliches  Brennen  erhielt  die  Wellen  etwa  8  Tage  lang.  Das
Korsett  war  ihr  bei  solcher  Lebensweise  ganz  verhaßt  geworden,  sie  warf  es
ab  für  alle  Zeiten!

Die  Ferien  waren  zu  Ende,  —  sie  waren  so  genußvoll  gewesen,  wie
keine  je  zuvor.  Gesünder,  frischer  und  besser  gepflegt  wie  je  vorher,  kamen
sie  in  ihr  Heim  zurück.  Der  Gatte  war  erstaunt  über  die  Wirkung  der
diesjährigen  Sommerfrische,  bewundernd  betrachtete  er  seine  Frau.  Die  alte
Jugendfrische  war  bei  ihr  wiedergekehrt  und  sollte  ihr,  da  sie  nun
das  Geheimnis  ihrer  Erhaltung  erkannt  hatte,  noch  viele  Jahre  besonderen
Reiz  verleihen!

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