234  Geschlechtsleben.

ihnen  nahestehenden  Männer  müssen  sie  so  einwirken,  daß  sich  diese  eines
sittlichen  Lebenswandels  befleißigen  und  sich  eines  Lebens  schämen  lernen,
wie  es  jetzt  von  der  Mehrzahl  geführt  wird.  Leider  ist  erst  ein  geringer
Teil  der  Frauen  so  weit,  um  bewußt  und  ausdauernd  in  dieser  Richtung  zu
wirken,  aber  er  vergrößert  sich,  dank  der  rastlosen  Tätigkeit  der  voran—
schreitenden  Frauenwelt  von  Jahr  zu  Jahr

Obwohl  sich  das  männliche  Geschlecht  mit  Vorliebe  das  „stärkere“
neunt,  so  ist  es  auf  sittlichem  Gebiete  doch  das  schwächere,  teils  weil  die
Natur  in  dieses  den  stärkeren  Geschlechtstrieb  gelegt  hat,  der  es  hänfig  seiner
Selbstbeherrschung  beraubt,  teils  weil  die  Frau  in  der  Mutterschaft  eine
Stütze  hat,  die  dem  Manne  fehlt.  Er  hat  niemals  die  Folgen  seiner
Handlung  zu  tragen,  sie  aber  in  aller  Vollständigkeit,  und  dieser  Umstand
macht  sie  bedächtiger,  zurückhaltender.  Wenn  es  immer  nach  der  Fran  ginge,
würden  unendlich  viel  weniger  Kinder  zur  Welt  kommen.  Der  Maun  ist
also  das  treibende  Prinzip,  die  Frau  sorgt  nur  für  das  richtige  Maß.  So
ergänzen  sie  sich.

Damit  soll  jedoch  nicht  gesagt  werden,  daß  die  Fran  nicht  auch  einen
Geschlechtstrieb  besäße.  Energische  und  kräftige  weibliche  Individuen  haben
ihn  sogar  meist  in  ausgesprochener  Weise  und  leiden  mitunter  schwer  unter
der  Ehelosigkeit.  Eine  verkehrte  Sitte  lehrte  bisher,  daß  die  Frau  anderen
oder  sich  selbst  dies  nicht  eingestehen  dürfe,  denn  es  gilt  als  Unmoral
und  unsittlich;  viel  Lüge,  viel  Heimlichkeit  und  Unnatürlichkeit  ist  dadurch
aber  in  die  Welt  gekommen.  Nachdem  die  Natur  beiden  Geschlechtern
die  gleichen  Organe  gegeben,  ist  es  selbstverständlich,  daß  sie  ihnen  auch,
entsprechend  ihren  geschlechtlichen  Aufgaben,  sehr  ähnliche  Gefühle  verliehen
haben  muß,  sonst  wäre  ja  die  Befriedigung  und  der  Genuß  nur  allein  auf
der  einen  Seite,  Vergewaltigung,  Leiden  und  Freudlosigkeit  ganz  auf  der
andern  Seite.  Nein,  so  verteilt  die  Natur  niemals!  Ein  liebendes  Weib
ersehnt  den  Mann  seiner  Wahl  gerade  so  heiß,  wie  umgekehrt  der  liebende
Mann  das  erwählte  Weib.  Je  geistig  entwickelter  das  Weib  wird,  je  wirtschaftlich
  unabhängiger,  desto  klarer  und  entschiedener  werden  auch  seine
Gefühle.  Den  holden  Zauber  echter  Weiblichkeit  werden  edle  Frauen
darum  noch  nicht  einbüßen,  wohl  aber  das  kindische,  unselbständige  und
ängstliche  Wesen.

Es  schäme  sich  also  keine  Frau  ihrer  natürlichen  Gefühle,  wohl  aber
hüte  sie  sich,  ihre  Selbstbeherrschung  zu  verlieren,  ihre  Würde  zu  opfern  und
alle  Zurückhaltung  aufzugeben.  Auch  die  heißeste  Liebe  kann  diesen  Verlust
nicht  lange  ertragen  und  leidet  schließlich  darunter,  während  die  zärtliche,  ja
selbst  heiße  Frau,  die  ihre  Selbstbeherrschung  niemals  verliert,  eine  gewisse
Herrschaft  über  ihren  Mann  nie  einbüßen  wird.

Der  weibliche  Arzt  lernt  leider  recht  traurige  Eheverhältnisse  kennen,
au  welchen  oft  beide  Ehegatten  schuldig  sind.  Oft  fällt  ihm  die  Schamlosigkeit