Geschlechtsleben.  237

des  weiblichen  Teiles  halb  in  die  Brüche  geht,  zu  einem  glücklichen  und
gesunden  Verhältnis  umwandeln.  Eine  kleine  Aussteuer  oder  sonstige  Unter—
stützung  liebevoller  naher  Verwandten  ist  doch  fast  immer  bei  geordneten
Familienzuständen  da,  es  fehlt  meist  nur  an  dem  Verständnis  der  letzteren.
Lebendige  alte  Rechenmaschinen,  wie  ein  pensionierter,  hartnäckiger  Vater,
eine  von  kleiner  Rente  lebende  engherzige  Mutter,  eine  knickerige  Erbtante
und  andere  kommen  in  Aufregung,  weil  die  jungen  Leute  heiraten  wollen,  bevor
sie  „was  haben“  oder  bevor  „er  was  ist“.  Wenn  das  Paar  aber  vertrauenerweckend
  ist,  d.  h.  charaktervoll  und  überlegend,  tüchtig  und  strebsam,
wenn  vor  allem  sie  wirtschaftlich  erzogen  und  erwerbsfähig  ist,  dann  „Glück
auf“  zur  Heirat.  Laßt  sie  ruhig  ihren  Weg  machen!  Aber  helft  ihnen  in
schwierigen  Lagen,  wo  ihr  es  vermöget;  verlaßt  sie  nicht,  wenn  nicht
alles  nach  Wunsch  geht.  Sie  werden  es  euch  lebenslänglich  danken,  und  ihr
werdet  selbst  eine  Quelle  der  Freuden  in  ihrem  Heim  finden.

Ach,  verständen  es  doch  die  Menschen,  sich  selbst  und  andere  glücklich
zu  machen!  Es  ist  ja  nicht  wahr,  daß  nur  viel  Geld  und  eine  gesicherte
einträgliche  Stellung  alles  Glück  sichern.  Inniges,  geistiges  Zusammenleben,
Anspruchslosigkeit,  ehrenhafte  Gesinnung  sind  viel  nötiger  zur  Wahrung  des
Glückes,  welches  in  einer  kleinen,  nett  gehaltenen  Wohnung  von  drei  Zimmern
und  Küche  köstlich  blühen  kann,  während  es  in  der  eleganten  Wohnung  von
sechs  Zimmern,  bei  zwei  Dienstboten  usw.,  nur  zu  oft  fehlt.  Ob  die  Frau
Lehrerin  oder  Buchhalterin,  Posibeamte  oder  Kunststickerin,  Arztin  oder  Malerin
ist,  kochen  und  mit  dem  Gelde  richtig  umgehen  muß  sie  verstehen,  sonst
geht  es  in  knappen  Verhältnissen  sehr  bald  schief.  Es  ist  dies  bei  guten
Anlagen  so  bald  erlernt,  wenn  richtige  Ideen  leiten.  Die  Toilette  der  Frau
kann  immer  gewählt  und  doch  sehr  billig  sein,  wenn  diese  es  versteht,  kleine
Umänderungen  selbst  zu  besorgen,  und  wenn  sie  weiß,  was  erhalten  heißt.
Die  Ernährung  mit  ihrem  umständlichen  Küchenapparat  kann  bei  vegetarischer
Lebensweise  sehr  vereinfacht  werden,  und  so  manches  Geldstück  wird  in  der
Tasche  bleiben,  wenn  man  Alkoholabstinenz  übt  und  für  Zigarren  nicht  Geld
hinauswirft.  Und  was  verliert  man  dadurch?  Beileibe  nichts  Gutes  und
Schönes!  Nur  das  jeden  Einsichtsvollen  bedrückende  Bewußtsein,  sich  durch
unsinnige  Genüsse  körperlich  zu  schädigen  und  sein  meist  sauer  erworbenes
Geld  gedankenlos  zum  Fenster  hinauszuwerfen.  Der  Gewinn  liegt  doch  sicher
deutlich  auf  der  Hand.

Und  doch  wollen  ihn  so  viele  nicht  sehen!  Möchten  diese  doch  wenigstens
über  gewisse  traurige  Erscheinungen  in  der  Gesellschaft  das  richtige  Urteil  sich
bilden:  über  die  30  jährige  höhere  Beamtentochter,  die  ohne  nennenswertes
Vermögen  und  ohne  Berufsbildung,  aber  mit  großen  Ansprüchen  und  kostspieligen
  Gewohnheiten  in  neumodischen  Toiletten  immer  noch  auf  den  Mann
wartet,  der  ihr  endlich  Stellung  und  Wohlstand  bringen  soll,  und  daneben
den  28  jährigen,  karg  besoldeten  Dr.  juris,  in  dessen  Adern  das  Blut  kocht,