238  Geschlechtsleben.

der  selbst  mit  der  Zulage  seines  Vaters  nicht  auszukommen  vermag,  aber
abends  Sekt  trinkt  und  täglich  oft  20  Zigaretten  verpufft,  der  seine  Jugendliebe
im  24.  Jahre  aufgeben  mußte,  weil  „sie  nichts  hatte  und  er  nichts  hatte"“,
und  nun  mit  einer  „Ladenmamsell“  ein  amüsantes  Verhältnis  unterhält,
nachdem  ihm  vorher  eine  lustige  Balleteuse  allzu  kostspielig  geworden  war.
Auch  die  Beamtentochter  hat  ihren  Roman  hinter  sich;  denn  ger“  war
seinerzeit  wohlbestallter  Lentnant  und  „sie“  hatte  keine  Kantion.  Wie  viel
Tränen  ihm  nachgeweint  wurden  und  wie  Sehnsucht  und  Bitterkeit  die
nachfolgenden  Jahre  vergifteten,  während  ihre  Jugend  nach  Genuß  und
Lebensglück  schrie,  —  ach,  das  hat  niemand  erzählt.  Nun  ist  sie  „abgeblüht"“,
mit  einem  scharsen  Zug  im  Gesicht,  „nervös“,  oft  angeödet  vom  Leben
und  seinem  Treiben,  darbend  und  bald  nicht  mehr  hoffend,  während  der
Dr.  juris  frisch  und  lebensfroh  genießt,  wo  sich  Gelegenheit  bietet,  gelegentlich
  nach  einer  reichen  Frau  auslugend,  die  ihm  seine  heimlichen
Schulden  zahlen  soll,  wobei  er  im  übrigen  „den  lieben  Gott  einen  guten
Mann“  sein  läßt.

Sie  schrumpft  als  Opfer  der  Wohlanständigkeit  und  des  Müßiggangs,
während  er  gedeiht,  aber  —  auf  Kosten  seiner  Moral  und  der  vöterlichen
  Börse.

Sind  das  nicht  wahre,  grausame,  himmeltraurige  Zustände?!  Und
dabei  gibt  es  immer  noch  Lente,  welche  die  späte  Verehelichung  verteidigen,
ja  die  Ehelosigkeit  der  Männer  unter  Umständen  für  das  Richtige  hinstellen!

Nein,  wenn  konservative  Personen  nichts  von  einer  Reform  der  Ehe
hören  wollen,  weil  sie  allerlei  Unklares  davon  befürchten,  so  müssen  wir  ihnen
hier  zurufen:  gerade  diese  unnatürlichen,  diese  entarteten  Verhältnisse  werden.
es  zu  einer  Reform  der  Ehe  bringen,  die,  vielleicht  noch  radikaler  als  es
die  heutigen  Reformer  im  Auge  haben,  all  dem  Elend  ein  Ende  machen
wird.  Die  Frauen  werden  in  der  Zukunft  weder  auf  der  einen  Seite  die
„Darbenden“  bleiben,  weil  der  Mann  sie  verlassen,  noch  auf  der  andern  die
Ansgenützten,  weil  der  Mam  ihrer  begehrte  (siehe  „Jugendliebe“  und  „Ladenmamsell“).
  Sie  werden  sich  neue  Sittengesetze  schaffen,  die  ihnen  selbst
Freiheit  und  Rechte,  dem  Manne  aber  Bändigung  seiner  Genußsucht  und
andererseits  Befreiung  von  hindernden  Vorurteilen  bringen.  Und  dann  wird
auch  die  Unzucht  in  der  Ehe  aufhören,  die  überall  dort  getrieben  wird,  wo
die  Frauen  wider  ihren  Willen  Kinder  gebären  und  nicht  aus  Liebe,  sondern
der  Versorgung  wegen  sich  an  einen  Mann  binden  lassen.  Man  wird  dann
mit  Grauen  von  einer  Zeit  sprechen,  in  welcher  so  viel  heimliches  Elend,  so
viel  Lüge,  so  viel  verschobene,  unnatürliche  Verhältnisse  herrschten.  Bis  wir
aber  so  weit  kommen,  empfehlen  wir  wenigstens  einzelnen  jungen  Pärchen
zur  Rettung  ihres  Glückes  und  um  ein  gutes  Beispiel  zu  geben,  wie  man  zur
Erhallung  natürlicherer  Lebensverhältnisse  beiträgt,  unsere  Ratschläge  zu  befolgen:
  früh  zu  heiraten  und,  nachdem  alles  wohl  überlegt  ist,  auf