Geschlechtsleben.  239

einfaches  und  sparsames  Leben  bedacht  zu  sein,  frei  von  schädlichen
Genüssen  und  fehlerhaften  Gewohnheiten.

Die  Ehe  darf  unbedingt  nicht  die  Bedeutung  behalten,  die  sie  hente
hat,  vor  allem  nicht  für  die  Frau,  für  die  sie  sozusagen  fast  alles  bedeutet:
Lebensaufgabe,  Versorgung,  Lebensstellung.  Alles  gibt  und  leistet  dabei
der  Mann!  Die  Frau  empfängt  nur  in  der  demütigendsten  Weise.
Mit  dem  Augenblick,  in  dem  die  Frau  aber  ein  eigenes  Geistesleben  hat,
einen  eigenen  Beruf,  wirtschaftliche  Selbständigkeit  und  gesetzliche  Gleichberechtigung,
  hört  dieses  unbegrenzte  Empfangen  auf.  Man  wird  nicht
bestreiten,  daß  die  Anfänge  zu  diesen  Veränderungen  bereits  in  deutlichster
  Form  vor  uns  liegen  und  daß  es  zahlreiche  Ehen  gibt,  in  welchen
die  Frau  unauffällig  diese  Stellung  einnimmt,  die  wir  vorhin  kennzeichneten,
Es  sind  freie  Persönlichkeiten,  die  auf  das  eheliche  Verhältnis  den  besten
Einfluß  ausüben.  Je  entwickelter  ihre  Fähigkeiten  sind,  desto  besser  versteht
  es  die  Frau,  die  Ehe  bei  beschränkter  Kinderzahl  mit  der  Berufsausübung
  zu  vereinigen,  und  dann  leistet  sie,  was  wir  von  der  fortgeschrittenen
  Frau  verlangen  müssen.  Sie  ist  keine  willenslose  Geburtsmaschine
  mehr,  sie  wird  nicht  vom  Fortpflanzungsgeschäft  total  verbraucht
und  stumpft  im  Ehejoch  nicht  ab.  Liebesehen  sind  dann  um  so  glücklicher,
und  der  Mann  ist  dann  kein  Arbeitssklave  mehr,  der  nie  genug  arbeiten  kann,
um  die  Bedürfnisse  der  großen  Familie  zu  decken.  Stimmen  die  Gatten
aber  nicht  mehr  überein,  hat  sich  die  Liebe  verloren,  dann  werden  sie  kein
unwürdiges  Verhältnis  bestehen  lassen,  denn  die  Frau  kann  ohne  den  Mann
auch  leben;  sie  werden  ruhig  auseinandergehen,  oder  als  „Geschäftsführer
  der  Kinder",  ohne  Ehe,  für  diese  leben,  wenn  reiferes  Alter  ihnen
die  nötige  Ruhe  dazu  gegeben  hat.

Natürlichere  und  sittenreinere  Verhältnisse  dem  Manne  zu  bringen,
sich  selbst  von  Elend  und  Druck  zu  befreien,  dies  alles  liegt  in  der
Hand  der  Fraul

In  bezug  auf  die  Regelung  des  ehelichen  Verkehrs  sei  noch  angegeben,
daß  die  Mäßigkeit  darin  besteht,  die  Vereinigung  so  selten  als  möglich  zu
vollziehen,  nicht  mehr  als  ein=  bis  zweimal  im  Monat.  Es  bleibt
dadurch  viel  körperliche  Kraft  und  alle  Frische  der  Empfindung  erhalten.
Der  allwöchentliche,  sogar  wiederholte  Verkehr  ist  meist  zuviel,  für  den  Mann
sowohl,  wie  für  die  Frau,  umsomehr,  je  anstrengender  vielleicht  das  Berufsleben
  der  Gatten  und  je  weniger  robust  der  Körperbau  der  Frau  ist.  Daß
die  Mäßigkeit  der  Eltern  auch  für  die  Kraft  der  Kinder  von  Bedentung  ist,
dürfte  als  allbekannt  hingestellt  werden  können;  trotzdem  richten  sich  so  wenige
darnach!  Daher  gibt  es  so  viele  nervenschwache  Kinder,  die  nie  zu  rechtem
Lebensgenuß  kommen,  weil  ihre  Eltern  pflichtvergessen  ihre  Kräfte  vergendeten!
Und  doch  könnte  man  so  vielem  Leide  vorbeugen,  wenn  man  sich  der  Verantworkung
  vor  den  Ungeborenen  immer  bewußt  bliebe.  In  der  zweiten  und