Geschlechtsleben.  249

reizbarkeit  seitens  der  Frau,  der  besser  keine  Folge  geleistet  wird,  da  geschlechtliche
  Erregungen  in  höherem  Alter  beiden  Geschlechtern  nicht  dienlich
sind,  indem  sie  zu  sehr  verbrauchen.  Sie  mögen  sich  genügen  lassen,  ihr
Frühling  ist  vorüber.

Andererseits  sind  wir  berechtigt  uns  vorzustellen,  daß  die  Frau  mit
50  Jahren  noch  nicht  Matrone  zu  sein  braucht,  und  wenn  der  Mann  in  diesem
Alter  zeugungsfähig  geblieben  ist,  die  Frau  es  doch  auch  sein  könnte  oder
sollte.  Ihre  Frühreife  und  ihr  früheres  Verwelken  sind  ja  nur  ein  Produkt
der  Erziehung.  Wenn  sich  jahrtausendelang  ihr  ganzes  Leben  und  Sein
nur  um  ihre  Geschlechtsaufgaben  drehte,  wenn  man  im  Süden  kaum  erblühte
Mädchen  mit  zwölf  Jahren  schon  verheiratet,  um  sie  nur  möglichst  schnell
ihrer  Hauptaufgabe,  dem  Gebärgeschäfte,  zuzuführen,  dann  ist  es  freilich  kein
Wunder,  wenn  sie  mit  30  Jahren  ihre  Reize  eingebüßt  haben,  und,  da  sie
kein  eigenes  Geistesleben  besitzen,  mit  ihrem  Leben  dann  sozusagen  fertig  sind.
In  Ungarn  sind  Heiraten  Fünfzehn=  und  Sechzehnjähriger  nichts  Seltenes,
und  nur  im  Norden  sehen  wir  die  Frauen  in  einem  reiferen  Alter  in  die
Ehe  treten.  Die  vorzeitige  Verehelichung  ist  das  Grab  für  Jugendlichkeit
und  Schönheit  der  Frau!  Wer  sich  als  Matrone  schön  und  kräftig  erhalten
will,  heirate  erst  nach  vollendeter  Reife,  also  mit  23  oder  25  Jahren,  und
sorge  dafür,  daß  nicht  zu  viel  Kinder  und  diese  nicht  zu  rasch  auseinanderfolgen.
  Das  wäre  die  erste  und  wichtigste  Regel  für  alle!  Dann  strebe  sie
nach  einem  eigenen  geistigen  Leben,  da  der  Geist  auch  auf  den  Körper  zurückwirkt,
  und  nehme  sich  ein  Beispiel  an  der  Jugendlichkeit  von  Künstlerinnen
und  geistig  bedeutenden  Frauen.  Ist  eine  Fünfzigjährige  körperlich  elastisch,
jugendlich  an  Körper  und  Seele,  dann  ist  sie  natürlich  auch  zum  Liebesverkehr
berechtigt.  Es  kann  sogar  Fälle  geben,  wo  er  ihr  zur  Erhaltung  ihres
inneren  Gleichgewichtes  notwendig  ist.  Maßvolle  sexuelle  Befriedigung  hat
so  wie  auf  den  Mann  auch  auf  die  gesunde  Frau  eine  auslösende,  beruhigende
Wirkung.

Hier  ein  abschreckendes  Beispiel:  ein  kleines,  zartes  Frauchen  mit  ermüdeten
  Zügen  kam  in  die  ärztliche  Sprechstunde.  Sie  war  kaum  22  Jahre
alt  und  hatte  bereits  vier  Geburten  zu  verzeichnen.  Erschrocken  frugen  wir:
„Ja,  um  Gotteswillen,  in  welchem  Alter  haben  Sie  denn  mit  den  Geburten
angefangen?"  Sie  lächelte  traurig:  „Ach,  ich  habe  mich  im  siebzehnten  Jahre
verheiratet.“  —  Also  so  ziemlich  alljährlich  ein  Kind,  und  nun  ging  es  nicht
mehr  recht  weiter;  allerlei  körperliche  Störungen  hatten  sich  eingestellt,  obwohl
sie  ehedem  ein  gesundes  Mädchen  gewesen  war.  Die  Untersuchung  ergab
neben  Blutarmut  und  Nervenschwäche  Erschlaffung  der  Bauchdecken  und  der
Geburtsorgane,  Senkung  der  Gebärmutter  und  —  abermalige  Schwangerschaft
von  etwa  drei  Monaten.  Das  Fünfte  war  also  glücklich  auf  dem  Wege!
Wir  machten  den  Ernst  der  Lage  dem  ziemlich  leichtsinnigen  Frauchen  klar
und  verordneten  eine  bestimmte  Lebensweise.  Im  Stillen  bedauerten  wir  die