252  Geschlechtsleben.

samkeit  im  Interesse  ihrer  schon  geborenen  Kinder  oder  ihrer  eigenen  schwachen
Gesundheit  wegen  auch  versucht  und  —  haben  dem  Arzt  damit  nur  neue  Aufgaben
  gestellt.  Das  vertrauliche  Zusammenleben  jugendlicher  Menschen,  die
sich  lieben  und  ersehnen,  führt,  soferne  sie  beide  nicht  moralische  Helden  sind  —
was  nicht  häufig  vorzukommen  pflegt,  wie  Menschenkenner  behaupten  —,  nur
zu  Verirrungen  auf  dem  sexuellen  Gebiete,  welche  schwächlichen  Menschen  stets
schweren  Schaden  zufügen.  Sie  bilden  eine  Art  des  Geschlechtsverkehrs  heraus,
  die  für  den  Augenblick  wohl  Befriedigung  bringt,  auch  die  Empfängnis
verhütet,  andererseits  aber  den  der  Gesundheit  wohltätigen  Austausch  zwischen
den  Geschlechtern  verhindert  und  eine  unverhältnismäßige,  hohe  Kraftausgabe
bewirkt.  Verstimmung,  Gereiztheit,  Erschöpfung  ist  die  nächste  Folge,  nervöse
Verdauungsleiden  bei  den  Männern  und  Krankheiten  der  weiblichen  Beckenorgane
  die  weitere.  Die  besten  Ehen  wurden  unglücklich;  heitere,  anmutige
Frauen  zu  unerträglichen,  verbitterten  und  unangenehmen  Lebensgefährtinnen;
der  gemütlichste,  bravste  Mann  aber  wandelt  sich  um  zu  einem  gereizten
Individuum,  dem  man  zu  Haufe  am  liebsten  aus  dem  Wege  geht.  Welche
tiefgehenden,  welche  traurigen  Veränderungen!  Wenn  man  bedenkt,  daß
lebensfrische  und  gute  Menschen  solchem  Schicksale  entgegengehen,  so  ergreift
jeden  Menschenfreund  ein  Wehegefühl.  Wie  kann  man  hier  helfen?  Wie
vorbeugen  und  Gesundheit  und  eheliches  Glück  erhalten?  Die  Antwort  ist
nicht  ganz  einfach.  Was  unter  den  „Verirrungen  im  ehelichen  Leben“  zu
verstehen  sei,  mag  sich  jeder  selbst  klar  machen,  der  unsere  vorstehenden
Kapitel  aufmerksam  gelesen  hat  und  der  sich  streng  selber  prüft.  Jede  Art
des  Verkehrs,  die  vom  natürlichen  Wege,  welcher  dem  Zweck  am  besten  dient,
abweicht,  ist  gesundheitswidrig  und  unsittlich.  Der  rege  Geschlechtstrieb,  der
Befriedigung  heischt  und  um  so  gebietender  wird,  je  mehr  Alkohol  genossen,
je  mehr  geistige  Arbeit  geleistet  wird,  verleitet  zu  Formen  des  Geschlechtsverkehrs,
  welche  beide  Bezeichnungen  verdienen.  Wir  wollen  hier  nur  eine
Form  erwähnen,  welche  in  Deutschland  sehr  verbreitet  ist,  das  ist  der
Congressus  interruptus.  Bei  demselben  wird  der  Erguß  des  Samens  in
die  weiblichen  Organe  durch  Unterbrechung  des  Aktes  verhindert,  ein  Verfahren,
  das  den  Mann  sehr  anstrengt  und  der  Frau  die  für  ihre  Gesundheit
notwendige  Befriedigung,  den  natürlichen  Abschluß,  versagt.  Bei  jeder  geschlechtlichen
  Erregung  füllen  sich  die  weiblichen  Geschlechtsorgane  mit  Blut,
werden  daher  voller  und  wärmer;  sie  schwellen  wieder  ab  nach  erfolgtem
elektrischen  Austausch  und  naturgemäßem  Ablauf  der  Erregung.  Bileibt
letzterer  aus,  so  erfolgt  die  Abschwellung  viel  langsamer,  und  die  nicht  ausgeklungene
  Nervenerregung  hat  unangenehme  Nebenwirkungen,  mit  der  Zeit
krankhafte  Überstrahlung  auf  andere  Nervengebiete  zur  Folge.  Die  Gebärmutter
  jedoch,  durch  häufigen  Blutandrang  verdickt,  verliert  ihre  normale
Gestalt  immer  mehr,  sie  wird  groß  und  hart;  schmerzhafte  Menstruationen,
reizbare  Gemütsstimmung,  Druck  und  Schmerz  im  Lieibe  stellen  sich  ein,