Geschlechtsleben.  253

schließlich  unregelmäßige  Blutungen  mit  Entzündungszuständen  und  krankes
Aussehen.  Jahrelanges  Siechtum  mit  hysterischen  Zuständen  sahen  wir  bei
solchen  Frauen,  die  ahnungslos  das  Opfer  ihres  naturwidrigen  ehelichen
Lebens  geworden  waren.  Bei  nervös  veranlagten  und  blutarmen  Individuen
treten  die  üblen  Folgen  natürlich  schneller  und  heftiger  auf  als  bei  kräftigen,
deren  Nervenkraft  länger  standhält.  Kommt  dann  durch  „Zufall“  infolge
eines  kleinen  Versehens  oder  Nachlassens  der  Angstlichkeit  seitens  der  Ehegatten
ein  nicht  gewolltes  Kind  zustande,  das  mit  Kummer  und  Tränen  begrüßt
wird,  so  wird  gewöhnlich  ein  nervöser,  oft  recht  unglücklicher  Mensch  daraus.

Kann  man  angesichts  solcher  Tatsachen  schweigen,  die  Frauenwelt  unaufgeklärt
  lassen,  die  Männer  ungewarnt?!

Nein,  die  Gefahr  ist  zu  groß,  wir  müssen  auf  Mittel  und  Wege
sinnen,  solchem  Elende  vorzubengen.  Wie  gesagt,  ist  die  Abstinenz,  d.  i.  die
Enthaltsamkeit,  das  sicherste  Mittel,  und  wenn  bei  erregbaren  Gatten  nicht
Selbstbefriedigung  eintritt,  auch  das  unschädlichste;  aber  wie  schon  erwähnt,
ist  es  häufig  unmöglich  für  junge  Menschen  und  auch  bei  den  stärksten  mit
großen  seelischen  Qualen  verbunden.  Wo  bleibt  dann  das  Glück  einer  aus
Liebe  geschlossenen  Ehe,  wo  bleibt  der  Seelenfrieden,  der  zur  Bewältigung
anderer  Aufgaben  des  Lebens  so  unentbehrlich  ist?!  Und  wo  bleibt  schließlich
  die  Sicherung  der  schon  geborenen  Kinder,  für  die  sich  pflichttreue  Eltern
alle  Entbehrungen  auferlegen,  um  ihnen  eine  bessere  Erziehung  und  einige
Geldmittel  auf  den  Lebensweg  mitgeben  zu  können,  wenn  eine  schwache
Stunde  nach  vielleicht  langer,  tapfer  ertragener  Entbehrung  dennoch  zu  der
so  sehr  gefürchteten  Vermehrung  der  Familie  führt  —?!  In  anderen  Fällen
wieder  ist  es  die  Kränklichkeit  der  Frau,  welche  durch  eine  abermalige  Geburt
vielleicht  körperlich  schwer  geschädigt,  ja  an  den  Rand  des  Grabes  gebracht
würde,  und  daher  die  größte  Zurückhaltung  im  ehelichen  Leben  gebieterisch
fordert.  Ist  der  Mann  kräftig  und  lebhaft,  so  erträgt  er  neben  der  geliebten
Frau  schmerzliche  Qualen,  die  ihn  entweder  unglücklich  machen  oder  zu  einer
gewissen  Form  der  Onanie  verleiten,  —  oder  schließlich  in  die  Arme  anderer
Frauen  treiben,  wo  er  Befriedigung  und  Gesundheit  findet.  Und  dann  ist
das  eheliche  Glück,  das  anfangs  vielleicht  so  sicher  schien,  für  alle  Zeiten
zertrümmert.  Die  arme  Frau  aber  hat  neben  ihren  körperlichen  Leiden  auch
noch  die  seelische  Qual,  ihrer  Stellung  als  Gattin  nicht  genügen  zu  können
und  ihr  höchstes  Gut,  die  Treue  ihres  Mannes,  eingebüßt  zu  haben.  Sollen
wir  angesichts  solcher  Verhältnisse  nicht  nach  einem  Ausweg  ausschauen,  der
vielleicht  auch  nicht  ganz  einwandsfrei  ist,  aber  dennoch  geeignet,  die  Gesundheit
  des  Mannes,  das  Glück  der  Ehe  zu  erhalten,  Frau  und  Kinder  aber
vor  dem  gefürchteten  Zuwachs  zu  schützen?  Gewiß  müssen  wir  dies!  Wir
betrachten  es  als  eine  der  wichtigsten  und  ernstesten  Pflichten  des  Arztes,
die  Gesundheit  und  damit  auch  das  häusliche  Glück  der  Gatten  zu  erhalten,
nicht  minder  die  Geburt  schwacher  und  kranker  Kinder  zu  verhüten,  indem