Geschlechtsleben.  255

allen  Zeiten  bei  Kulturvölkern  bestand.  Bei  den  alten  Israeliten  beging  die
Frau  ein  Verbrechen,  wenn  sie  eine  Schwangerschaft  vereitelte;  andererseits
heißt  es  im  Talmud,  daß  sie  Watte  zur  Vermeidung  der  Empfängnis  einlegen
  soll,  wenn  sie  jünger  als  12  Jahre  ist,  oder  ein  Kind  an  der  Brust
hat.  Bei  den  Griechen  und  Römern  kamen  Pflanzenstoffe  zur  Verwendung,
welche  Befruchtung  verhinderten.  Der  römische  Arzt  Saranus  gab  den  Rat,
die  Frauen  sollten,  wenn  sie  einer  Geburt  ausweichen  wollten,  sich  hüten,
die  Vereinigung  mit  dem  Mann  vor  und  nach  der  Menstruation  vorzunehmen,
sie  sollen  nach  dem  Akte  mit  gekrümmten  Knien  sitzen  und  vor  demselben
den  Muttermund  mit  Ol,  Honig  u.  a.  bestreichen  oder  zusammenziehende
Mittel  einlegen.  Dies  waren  zwar  nicht  Ratschläge,  die  absolute  Sicherheit
gewährten,  aber  sie  waren  vernünftig  und  unschädlich.  (Siehe  besonders  die
auch  bei  uns  bekannte  „Dritte  Woche“.)

Im  deutschen  Volke  herrschte  früher  der  Glanbe,  daß  der  Genuß  des
Tees  von  Weidenblättern  unfruchtbar  mache;  in  Rußland  trinkt  man  zum
gleichen  Zwecke  einen  Aufguß  von  Lycopodium  annotium,  in  Estland
nehmen  die  Frauen  Quecksilber  ein.  Verkrüppelungen  der  Gebärmutter  führen
bekanntlich  zu  Unfruchtbarkeit,  welche  Kenntnis  in  Indien  die  Frauen  dazu
führte,  die  Gebärmutter  künstlich  verschieben  und  knicken  zu  lassen.  In
Australien  gilt  es  als  Schutzmittel,  während  des  Aktes  recht  gleichgültig  zu
bleiben  und  nach  demselben  durch  schlängelnde  Bewegungen  der  Beckengegend
sich  des  eingedrungenen  Spermas  zu  entledigen.  Aber  noch  andere  Fortschritte
kennt  man  im  fernen  Osten:  die  Kastration,  d.  i.  die  operative  Entfernung
der  Keimdrüsen  bei  Mann  und  Weib.  Das  traurigste,  aber  sicherste  Mittel!

Nachdem  wir  diese  allgemeinen  Betrachtungen  vorausgeschickt  haben,
die  manchem  die  Sache  in  anderem  Lichte  erscheinen  lassen  wird,  gehen  wir
zur  Besprechung  der  verschiedenen  Arten  der  Verhütungsmittel  über.

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Die  Verhütungsmittel.

Einige  kommen  für  den  Mann  in  Anwendung,  die  meisten  aber  für
die  Frau.  Von  dem  Gedanken  ausgehend,  daß  das  Eindringen  des  Spermas
(Samens)  in  den  Uterus  verhindert  werden  müsse,  oder  daß  das  Sperma
durch  chemische  Einflüsse  unwirksam  gemacht  werden  muß,  hat  man  verschiedene
  Anwendungen  versucht.  Der  Überzug  aus  Gummi  oder  Fischblase
für  den  Mann  hat  sich  vielfach  bewährt;  er  reißt  aber  auch  leicht  ein  und
ist  vielen  widerwärtig.  Als  „Condom“  ist  er  überall  zu  haben.  Die  Frau
enthebt  er  zwar  aller  unangenehmen  Verrichtungen,  er  schafft  aber  eine
Zwischenschicht  zwischen  den  männlichen  und  weiblichen  Teilen,  welche  den
Austausch  verhindert  und  bei  reizbaren  Individuen  sehr  störend  wirkt.