268  Langlebigkeit  und  Tod.

gang,  Stubenhockerei,  sitzende  Tätigkeit  machen  die  Menschen  krank.  Es
prüfe  sich  jeder,  wie  weit  er  sich  gegen  diese  Anforderung  versündigt,  was
er  tun  könnte,  um  sich  bessere  Verhältnisse  zu  schaffen,  und  er  flüchte  in  die
Berge,  in  den  Wald  und  schöpfe  neue  Kraft  an  der  Brust  der  Mutter  Natur.

5.  Durch  Luft-  und  Wasserbäder.  Ein  jeder  kann  sie  sich  schaffen,
weun  auch  mitunter  in  primitiver  Weise,  wenn  er  es  nur  versteht.  Nichts
hält  Hant  und  Stoffwechsel  so  gesund  wie  diese,  und  keine  andere  Pflege
ist  so  billig  herzustellen.  Auch  vom  Wasser  erzählt  man  sich,  wie  es  die
Menschen  jung  und  schön  erhalte,  und  wie  es  verlorene  Kräfte  wiederbringe.
Und  das  ist  kein  Märchen!

6.  Durch  Verkehr  mit  der  Ingend,  die  uns  froh  und  lebendig
erhält,  während  Umgang  mit  dem  Alter  zu  Griesgrämigkeit  geneigt  macht.
Es  ist,  als  würde  die  IJugend  etwas  von  ihrem  Reichtum  abgeben,  etwas
von  ihrer  Wärme  auf  das  oft  fröstelnde  Alter  überstrahlen.

7.  Schließlich  durch  geistige  Interessen,  durch  selbstloses  Wirken
für  andere.  In  der  Hingebung  an  solche  Ziele  scheint  ein  Vergessen  auf
uns  selbst  einzutreten,  es  entwickeln  sich  unsere  besten  Seiten,  und  der  Egoismus
  oder  die  Grilligkeit  verkümmern  dabei.  Das  Endergebnis  ist  ein  liebenswürdiger,
  geistig  lebendiger  Mensch  trotz  60  oder  70  Lebensjahren!  —

Wer  diese  sieben  Punkte  während  seines  Lebens  berücksichtigt,
wird  gesund  bleiben,  und  hat  er  dieses  Glück  infolge  anderer  Einflüsse
(Vererbung,  Erwerb,  Kummer)  sich  nicht  vollständig  erringen  können,  so
wird  er  wenigstens  einen  leichteren  Tod  sich  sichern  können.

Als  verjüngendes  und  veredelndes  Moment  reihen  wir  noch  die  philosophische
  Entwicklung  unseres  Geistes  oder  die  echte  Religiosität  an.  Alles
was  uns  Versöhnung,  Frieden,  inneren  Halt  bringt,  wirkt  gut  auf  Seele  und
Körper  ein.  Das  Verlangen  so  vieler  Frauen  nach  einem  schönen  Glauben
soll  daher  nicht  bekämpft,  sondern  unterstützt  werden,  doch  lasse  man  es  nicht
au  naturwissenschaftlicher  Bildung  und  allgemeiner  Aufklärung  fehlen.  Wir
verstehen  unter  „Glauben"“  nicht  die  konfessionelle  Treue,  den  Haß  gegen
Andersgläubige,  die  beschränkte  Denkungsart  nach  einer  Glaubenslehre,  die
stets  die  Wahrheit  allein  zu  besitzen  glaubt,  sondern  das  starke  Bedürfnis
nach  einer  Sittenlehre,  welche  das  menschliche  Leben  in  feste  Bahnen  leitet
(Ethit)  und  vor  Willkür  bewahrt,  ferner  uns  eine  harmonische  Weltanschauunng
  gibt.  Solche  Religiosität  führt  uns  umsomehr  zu  Höhenpunkten  des
menschlichen  Geistes,  je  schärfer  wir  zu  denken  vermögen  und  je  mehr  wir
unseren  Geist  gebildet  haben;  wir  lernen  dann  philosophisch  zu  denken  und
unser  Leben  nach  höherer  Erkenntnis  einzurichten.  Welche  Ruhe,  welche
neue  Kräfte  verleiht  dieses  Vermögen!

Wir  empfehlen  denkenden  Leserinnen  die  Schriften  des  Amerikaners  Trine
„In  Harmonie  mit  dem  Unendlichen“  u.  a.  m.  Dann  „Zu  der  inneren  Schönheit"
von  Maeterlinck,  ferner  „Arbeiten  und  nicht  verzweifeln“  von  Carlyle.