274  Über  die  Bestimmung  des  Geschlechts.

Lebensweise  der  Eltern  beeinflussen  kann,  scheint  sehr  wahrscheinlich,  doch
haben  wir  noch  kein  System  dafür.  Möglich,  daß  durch  die  Veröffentlichungen
des  vielgeschmähten  Schenk  jetzt  eine  Frage  in  Fluß  kommt,  die  man  vorher
noch  nicht  zur  Besprechung  reif  hielt.  Daß  nur  die  Mutter  beim  Geschlecht
des  Kindes  bestimmend  sei,  scheint  doch  wohl  unwahrscheinlich,  wenn  auch  der
Zustand  der  Eizelle  vielleicht  der  maßgebendere  sein  dürfte.

Ein  Landwirt  machte  die  Verfasserin  darauf  aufmerksam,  daß  er  weibliche
  oder  männliche  Junge  seiner  Kühe  oder  Pferde  willkürlich  dadurch  erzeugen
  lassen  könne,  daß  er  Stier  oder  Hengst  rechts  oder  links  vom  weiblichen
  Tiere  stehen  lasse.  Füllt  sich  der  linke  Hode  mehr,  dann  gibt  es
weibliche  Junge;  ist  der  rechte  vor  dem  Akt  geschwollener,  männliche.
  Angeblich  hätte  sich  diese  einfache  Theorie,  nach  welcher  also  dem
Manne  allein  die  Geschlechtsbestimmung  zufalle,  auch  beim  Menschen  bewährt.
Er  müsse  vor  dem  Akte  rechts  oder  links  von  seiner  Frau  liegen.  Es  würde
sich  lohnen,  Erfahrungstatsachen  darüber  zu  sammeln.

Die  Praxis  alter  Völker,  besonders  der  Juden,  deren  höchster  Stolz  kinderreiche
  Familien  waren  und  die  es  sich  zur  Aufgabe  machten,  viele  Söhne  zu  zeugen,
damit  ihr  Volk  stärker  und  größer  werde,  lehrt  uns,  daß  die  Kraft  der  Eizelle  in
der  ersten  Woche  nach  der  Menstruation  am  größten  ist  und  daher,  wenn  Befruchtung
  in  dieser  Zeit  stattfindet,  männliche  Geburten  überwiegen.  Je  älter
das  Ei  ist,  desto  schwächer  wird  es,  desto  leichter  kann  also  die  Samenzelle  mit
ihrem  Einfluß  überwiegen  und  daher  weibliche  Kinder  bewirken.  Immer  wird
auch  dann  der  weibliche  Einfluß  überwiegen,  wenn  die  Samenzellen  zu  lange  auf
die  Eizelle  warten  mußten,  weil  diese  den  Fruchthalter,  die  Gebärmutter,  noch  gar
nicht  erreicht  hat  und  inzwischen  an  Lebenskrast  einbüßte.  Auch  dann  würde  bei  kräftiger
  Eizelle  immer  ein  Sohn  geboren  werden.  Der  griechische  Dichter  Alkmöon,
welcher  540  v.  Chr.  lebte,  hatte  sogar  damals  schon  die  Ansicht,  daß  das  Geschlecht
des  Fötus,  je  nach  dem  Vorherrschen  der  weiblichen  oder  männlichen  Potenz,  bestimmt
  werde,  und  im  Talmud,  dem  alten  jüdischen  Weisheitsbuche,  heißt  eine
Stelle:  „Wenn  während  des  Geschlechtsaktes  das  Weib  leidenschaftlicher  beteiligt
ist  als  der  Mann,  gibt  es  männliche  Früchte,  im  umgekehrten  Falle  weibliche.“

Ploß  vertritt  in  seinem  umfangreichen  Werke  über  „Das  Weib  in
der  Natur=  und  Völkerkunde“  die  Ansicht,  daß  nicht  die  Ernährung
der  Mutter  für  das  Geschlecht  des  Kindes  maßgebend  sei,  sondern  daß  die
Geschlechtsbestimmung  während  des  Besruchtungsaktes  sich  vollzieht  und  die
sexuelle  Befähigung  der  Erzeuger  bei  der  Entscheidung  des  Geschlechtes  maßgebend
  sei.  Der  einflußreichere  Teil  dabei  sei  der  Mann,  von  dessen  Befähigung
der  Knabenüberschuß  abhängig  bleibe.  Mit  dieser  Auffassung  stimmen  viele
Tatsachen  aus  dem  Leben  nicht  überein;  allein  interessant  ist  es,  daß  auch  er
Kraftmomente  anerkennt.  Man  lese  in  seinem  obengenannten  Werke  nach.

Kürzlich  ist  eine  neue  Schrift  von  Dr.  J.  Vogel-München  über  diesen
Gegenstand  erschienen,  die  wir  der  allgemeinen  Beachtung  empfehlen  können.