Über  die  Bestimmung  des  Geschlechts.  275

Sie  ist  betitelt:  „Blicke  ins  Menschenleben“  und  erscheint  bei  August  Schupp
in  München.  Der  Verfasser,  der  an  der  Tierwelt  die  interessantesten
Beobachtungen  gesammelt  hat,  rückt  ein  Moment  in  den  Vordergrund,  das
bis  jetzt  noch  kein  Forscher  in  diesem  Grade  würdigte:  es  ist  das  anhaltende
Verlangen  des  weiblichen  Teiles  nach  geschlechtlicher  Vereinigung  vor  und
nach  eingetretener  Befruchtung;  er  betont  ausdrücklich,  entgegen  anderen
Antoren,  daß  zur  Geschlechtsbestimmung  nicht  die  vorübergehende  Erregung
während  des  Geschlechtsaktes  ausreichend  sei.  Immerhin  kommt  aber  der
Talmud  dieser  Auffassung  am  nächsten,  da  er  ausdrücklich  die  leidenschaftlichere
Beteiligung  des  Weibes  zur  Erzeugung  männlicher  Kinder  hervorhebt.
Auch  der  Grieche  Alkmöon  sprach  bereits  von  einem  Vorherrschen  der  männlichen
oder  weiblichen  Potenz  bei  Bestimmung  der  Geschlechter.  Vielleicht  hat  er
sich  darunter  nur  gedacht,  was  Dr.  Vogel  jetzt  beschreibt.

Es  ist  erstaunlich,  wie  sehr  die  Bedeutung  der  weiblichen  Psuche  und
ihr  Einfluß  auf  die  seinsten  Vorgänge  des  Lebens  jetzt  wachsende  Anerkennung
findet,  während  es  doch  noch  gar  nicht  lange  her  ist,  daß  nichts  unbedeutender
schien,  als  ein  weiblicher  Mensch,  nichts  leerer  als  ein  weibliches  Gehirn.
Mit  Genugtuung  begrüßen  wir  daher  die  Ausführungen  des  Dr.  Vogel,
die  unsere  Überzeugung  von  der  hohen  Bedeutung  der  Eizelle  durch  Tatsachen
unterstützen,  die  kanm  bestritten  werden  können.  Möchten  andere  Antoren
ihre  Beobachtungen  auch  veröffentlichen!  Es  ist  nur  dabei  nicht  zu  verlkennen,
daß  es  sehr  oft  schwer  sein  wird,  die  Wahrheit  zu  erfahren,  da  es  sich  um
Vorgänge  handelt,  über  welche  natürlicherweise  gerade  Frauen  nicht  leicht
zum  Sprechen  gebracht  werden.

Auch  eine  andere  Schwierigkeit  tritt  uns  bei  der  Geschlechtsbestimmung
der  Kinder  entgegen;  die  krankhafte  und  allgemein  zunehmende  sexuelle  Gleichgültigkeit
  des  heutigen  weiblichen  Geschlechtes,  die  schließlich  entsprechend  der
Vogelschen  Theorie  zu  einer  immer  mehr  abnehmenden  Geburtszahl  männlicher
Kinder  führen  müßte.  Ehepaare,  die  sehnlichst  einen  Sohn  wünschen,  kommen
in  die  ärztliche  Sprechstunde  und  klagen  über  die  Empsfindungslosigkeit  des
weiblichen  Teiles.  Es  liegt  keine  Krankheit  vor,  kein  organischer  Fehler.
Die  Frau  liebt  ihren  Mann;  dieser  ist  gesund  (hat  sich  ärztlich  untersuchen
lassen),  und  dennoch  kommt  entweder  kein  Kind  oder  doch  kein  Sohn.  Was
ist  da  zu  tun?  Was  Dr.  Vogel  gegen  diese  Gleichgültigkeit  der  Frau  empsiehlt,
scheint  uns  viel  zu  wenig,  da  bei  Wohlhabenden  eine  zu  reiche  Kost  das
Alltägliche  ist  und  dieser  eigentümliche  Zustand  der  Frau  zu  tief  im  Nervensysteme
  wurzelt.  Wir  verweisen  hier  auf  das  im  III.  Teil  unter  „Unsruchtbarleit"
  Gesagte.  Allgemein  kräftigende  Behandlung,  der  Reiz  des  kalten  Wassers,
Beschleunigung  des  Stoffumsatzes  (Thure-Brandtsche  Massage)  und  längere
Trennung  vom  Manne  sind  ins  Auge  zu  fassen.  Letztere  weckt  oft  eine  Sehnsucht
  nach  ihm,  wie  sie  vielleicht  seit  Jahren  ni  hkt  bestand  und  ist  dem  erstrebten
Zwecke  höchst  sörderlich.  Eine  sechswöchige  Kur  auswärts  mit  der  angedeuteten

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