282  Verhalten  während  der  Schwangerschaft.

beobachtete,  und  die  in  unzweideutiger  Weise  darauf  hinweisen,  wie  es
eine  Frau  nicht  machen  soll,  die  eine  glückliche  und  pflichttreue  Mutter
werden  will.

Erste  lehrreiche  Geschichte:  Ein  etwa  zwanzigjähriges  Mädchen
kommt  in  die  Sprechstunde  und  klagt  über  mangelhaften  Appetit,  Müdigkeit,
kalte  Füße,  weißen  Fluß.  Sie  sieht  nicht  schlecht  aus,  und  in  ihrer  äußeren
Erscheinung  fällt  nichts  auf.  Dann  fügt  sie  hinzu,  daß  sie  wohl  in  anderen
Umständen  sein  dürfte;  denn  die  Periode  fehle  schon  seit  einigen  Monaten.
Nachdem  das  festsitzende  Korsett  abgelegt,  die  engen  Rockbänder  gelöst  sind,
kommt  ein  kleiner  harter  Bauch  zum  Vorschein,  in  dem  die  Gebärmutter
zwar  schon  Nabelhöhe  erreicht  hat,  aber  ohne  wesentlichen  Umfang  zu  besitzen.
  Auf  die  Frage,  wie  sie  denn  im  stande  gewesen  sei,  sich  so  lange  fest
zu  schnüren  und  ob  sie  nicht  wisse,  wie  schädlich  dies  der  Entwicklung  des
Kindes  und  ihrer  eigenen  Gesundheit  sei,  antwortete  sie  vollständig  gleichgültig,
  daß  sie  ihren  Zustand  doch  verbergen  mußte,  um  ihre  Stelle  als
Verkäuferin  nicht  zu  verlieren,  und  daß  sie  überhaupt  nicht  wisse,  wie  lange
sie  in  anderen  Umständen  sei.  Nun  wurde  ihr  erklärt,  daß  sie  das  Wachstum
der  Frucht  durch  das  Korsett  gewaltsam  zurückgehalten,  daß  sie  vielleicht  ein
nicht  mehr  gut  zu  machendes  Unrecht  an  ihrem  Kinde  begangen  habe,  dem
sie  schon  jetzt  Aufmerksamkeit  schuldig  sei,  und  daß  sie  sehr  krank  würde,
wenn  sie  ihre  Lebensweise  nicht  sofort  ändere.  Langsam  schien  sie  einzusehen,
was  ihr  vorgehalten  wurde,  und  sie  versprach,  zu  ihrer  Pflege  zur  Mutter
zu  gehen.  Nun  wurden  ihr  erregende  Sitzbäder,  leichte  Diät,  Bewegung
im  Freien,  lockere  Kleidung,  nächtliche  Leibwickel  verordnet,  und  siehe  da!
In  drei  Wochen  kam  sie  wieder  und  mit  überraschenden  Veränderungen.
Rapid  hatte  sich  die  Gebärmutter  vergrößert,  der  Leibesumfang  entsprechend
erweitert;  die  Beschwerden  waren  gewichen.  Sie  befand  sich  bereits  im  achten
Monat  der  Schwangerschaft,  und  vor  drei  Wochen  hatte  man  ihr  dieselbe
noch  gar  nicht  angesehen!

Wie  viele  junge  Ehefrauen  schnüren  sich  bis  zum  fünften  Monat  aus
falscher  Scham,  um  ihren  Zustand  zu  verbergen,  und  wie  oft  kamen  deshalb
Totgeburten  zustande,  weil  sich  nicht  rechtzeitig  eine  rettende  Behandlung  wie
die  obige  einstellte!

Zweite  Geschichte:  Vier  Kinder  sind  bereits  da,  das  fünfte  ist  auf
dem  Wege.  Die  Frau  wird  mit  ihrer  Tagesarbeit  nie  fertig;  sie  hat  die
Geburten  leidlich  überstanden,  aber  sie  seuszt  dennoch  über  die  bevorstehende
fünfte.  Sie  ist  blaß  und  nervös,  denn  sie  schläft  zu  wenig;  das  Jüngste,
sieben  Monate  alt,  das  mit  der  Flasche  aufgezogen  werden  muß,  weil  die
Muttermilch  kaum  zwei  Monate  reichte,  ist  infolge  Verdauungsbeschwerden
sehr  unruhig  und  weckt  die  ermüdete  Mutter  jede  Nacht  mehreremale.  Unter
solchen  Umständen  also,  ohne  die  allernötigste  Pflege  und  Ruhe  der  Mutter,
soll  das  fünfte  Kind  seinen  Körper  aufbauen  und  mit  gesundem  Nervensystem