Verhalten  während  der  Schwangerschaft.  283

zur  Welt  kommen.  Ist  dies  möglich?  Auch  diese  Mutter  ist  furchtbar  gleichgültig
  zegen  das  werdende  Wesen;  sie  hat  ja  schon  vier  Kinder,  das  fünste
ist  somit  Überfluß!  Sie  klagt  wohl  öfters  über  die  ewige  Plage,  die  bei
solcher  Kinderschar  nie  aufhöre;  aber  ein  ernstes  Wort  über  die  Gefährdung
des  Ungeborenen  wird  nie  ausgesprochen.  Verantwortlichkeit  während  ihres
jetzigen  Zustandes  dem  neuen  Menschen  gegenüber,  der  der  ungesunden
Lebensweise  seiner  Mutter  vielleicht  ein  sieches  Leben  verdanken  wird,  ist  ihr
gar  nicht  bewußt,  noch  weniger  ihrem  Manne,  der  als  kleiner  Beamter  zwar
auch  über  das  zunehmende  Hauskrenz  klagt,  aber  sich  in  leiner  Weise  zu
helfen  weiß.  Haben  nicht  tausende  von  Menschen  ihre  Entstehung  unter
solchen  Verhältnissen  gehabt,  und  würde  nicht  so  mancher  rätselhafte  Krankheitsoder
  Todesfall  in  der  Jugend  durch  die  Einflüsse,  die  während  der  Schwangerschaft
  auf  die  Mutter  einwirkten,  erklärbar  werden?

Dritte  Geschichte:  Die  Mutter  ist  Geschäftsfrau.  Während  der  Mann
Geschäftsgänge  besorgt,  muß  sie  den  Laden  hüten,  alle  Kunden  empfangen  und
befriedigen,  Eintragungen  ins  Buch  machen,  den  Houshalt  leiten  und  sich  dazwischen
  um  die  Kinder  bekümmern.  Zwei  Kinder  besuchen  die  Schule,  eines  ist
am  Scharlach  gestorben;  infolge  der  oft  anstrengenden  Ladentätigkeit  trat
dann  eine  Fehlgeburt  ein,  und  jetzt  ist  die  Frau  wieder  in  anderen  Umständen.
Stundenlanges  Stehen  hat  zur  Krampfaderbildung  geführt;  der  Fußboden
des  Ladens  ist  so  kalt,  daß  die  arme  Frau  tagsüber  die  kalten  Füße  gar
nicht  verliert;  Luft  und  Sonne  sind  sehr  mangelhaft,  denn  die  Straße  ist  enge,
und  die  gegenüberstehenden  Häuser  sind  hoch.  Welcher  ungesunde  Aufenthalt
für  einen  gesunden  Menschen  und  wie  verderbenbringend  vollends  für  eine
Frau,  die  einem  gesunden  Kinde  das  Leben  schenken  will!  Die  Gesichtsfarbe
der  Frau  ist  graublaß  —  sie  kommt  ja  so  selten  ins  Freie!  —,  die  Verdauung
träge,  die  Stimmung  oft  schwermütig.  Müde  sinkt  sie  abends  aufs  Lager;
nicht  die  Sorge  um  den  werdenden  Menschen  bedrückt  sie,  sondern  nur  der
eine  Kummer,  der  eine  Gedanke:  „Ach,  noch  einmal  ein  Wochenbett!!“

Wie  lauten  die  Verordnungen  der  Arztin  in  diesem  Falle?  Einen
sonnigen  Laden  mieten,  heraus  aus  dieser  düsteren  Straße?  —  Nein,  denn
dies  erlanben  ihre  Erwerbsverhältnisse  für  den  Augenblick  nicht,  wohl  aber
kann  innerhalb  der  gegebenen  Verhältnisse  wenigstens  für  die  zweite  Hälfte
der  Schwangerschaft  etwas  getan  werden,  allerdiugs  nicht  ohne  einige  Opfer.
Es  wird  ein  Ladenmädchen  gemietet,  welches  die  Frau  unterstützt  und  stundenweise
  vertritt,  wenn  auch  die  Einnahmen  etwas  darunter  leiden.  Dann  badet
die  Frau  morgens,  ordnet  ihre  Geschäfte,  gibt  die  nöligen  Aufträge  und
geht  vor=  und  nachmittags  je  zwei  Stunden  ins  Freie,  setzt  sich  in  die  Sonne,
läuft  sich  warm.  Eine  ganz  veränderte  Diät  und  Schlasen  bei  offenen
Fenstern  werden  gleichzeitig  eingesführt;  denn  der  werdende  Mensch  soll  nicht
schon  im  Mutterleibe  an  Sauerstoffmangel  zugrunde  gehen.  Welche  Veränderungen
  gehen  nun  mit  dieser  Frau  vor!