Lebensregeln  für  die  Schwangerschaft.  291

Dieses  sogenannte  „unstillbare  Erbrechen“  Schwangerer  tritt  vorzugsweise
  bei  Frauen  der  wohlhabenden  Klassen  auf,  viel  seltener  bei  Frauen  aus
dem  Volke,  was  darauf  hindeutet,  daß  eine  verweichlichende  und  üppige  Lebensweise
  gewisse  Grundlagen  dazu  schafft;  Frauen  mit  hysterischen  Anlagen  oder
hoher  nervöser  Reizbarkeit,  ebenso  mit  alten  Magen=  und  Gebärmutterleiden,
neigen  auch  dazu,  häufig  die  Folge  zu  reichlichen  Fleisch=  und  Alkoholgenusses
oder  zu  häufiger  geschlechtlicher  Erregungen.  Anderung  der  Lebensweise  ist
das  erste,  was  man  bei  solchem  Erbrechen  zu  tun  hat;  Schleimsuppen,  Kephir,
Apfelsinen=  und  Zitronensaft  als  Limonaden,  Wurzelbrühen,  Dr.  Lahmanns
Nährsalzbiskuit,  Selterswasser  mit  gequirltem  Eiweiß,  Eisstückchen,  wenn  die
Übelkeit  zu  quälend  wird  und  das  Würgen  unterdrückt  werden  soll,  alles
kalt  und  in  kleinen  Mengen  gereicht,  je  nach  Neigung  der  Patientin,  während
vollständige  Ruhe  im  verdunkelten  Zimmer  beobachtet  wird,  um  alle  Reize
fernzuhalten,  führen  oft  rasch  zur  Besserung.  Dazu  macht  man  kalte  Magenkompressen,
  oder  wenn  das  Erbrechen  krampfartigen  Charakter  annimmt,
lege  man  die  heiße  Bauchflasche  auf  und  wende  eine  Beinpackung  mit
heißen  Dampfkruken  an.  Täglich  mehrere  kleine  kühle  Klystiere  wirken  gut  auf
den  Darm  und  den  Kräftezustand  ein.  Tausendguldenkrauttee,  kräftig
gekocht,  löffelweise  gereicht,  auch  Preiselbeersaft  (ohne  Zucker)  sind  gute
Gegenmittel.  Dann  ein  heißes  Vollbad,  von  350  bis  40  C.  aufsteigend,
später  kühle  Rücken  güsse  von  etwa  25°%  C.  haben  vortreffliche  Wirkung;
doch  ist  bei  allen  diesen  Anwendungen  ärztliche  Leitung  für  schwere  Fälle  nicht
entbehrlich;  wird  doch,  wie  die  Erfahrung  lehrt,  gar  zu  leicht  ein  Mißgriff
seitens  der  unerfahrenen  Umgebung  gemacht.  Noch  soll  darauf  aufmerksam
gemacht  werden,  daß  auch  eine  Rückwärtslagerung  der  schwangeren
Gebärmuntter  die  Ursache  des  unstillbaren  Erbrechens  sein  kann,  und  daß
man  sich  daher  durch  ärztliche  Untersuchung  stets  vergewissern  soll,  ob  die
Gebärmutter  in  richtiger  Lage  ist.  Vorsichtige  Aufrichtung  unter  beruhigenden
Streichungen  des  Bauches  und,  nach  Entleerung  des  Darmes  durch  ein  großes
Entleerungsklystier,  stark  abgekühlte  Sitzbäder  vermögen  in  wenigen  Tagen
den  Normalzustand  herzustellen,  worauf  das  Erbrechen  verschwindet.  Die
Rückwärtsbeugung  der  schwangeren  Gebärmutter  ist  aber  auch  eine  Quelle
anderer  Beschwerden  während  der  ersten  Monate.  Sie  hat  das  Bestreben,  sich
aufzurichten,  da  sie  sich,  im  kleinen  Becken  eingelagert,  nicht  vergrößern  und
ebensowenig  ins  große  Becken  gelangen  kann.  Es  treten  dann  quälende  Rückenschmerzen
  auf,  Druck  nach  unten,  Stuhlverstopsung,  schwere  Gemsitsverstimmung,
Gefühl  der  Schwere  im  Leibe,  kalte  Füße  usw.  Diese  Beschwerden  kommen
alle  von  der  falschen  Lage  der  Gebärmutter,  die  schließlich  das  Absterben  des
Eies  bewirkt.  Es  tritt  dann  nach  anhaltenden  Beschwerden  Fehlgeburt  ein,
welche  aber  auch  oft  nicht  glatt  verläuft.

Wer  daher  gleich  in  den  ersten  Monaten  der  Schwangerschaft  sich
elend  fühlt,  gehe  zu  einem  Arzt  und  lasse  die  Lage  der  Gebärmutter  fest-10

