292  Lebensregeln  für  die  Schwangerschaft.

stellen.  Tägliche  vorsichtige  Aufrichtung,  Sitzbäder  wie  angegeben,  abwechselnd
mit  Halbbädern  und  Rückengüssen,  tägliche  Entleerung  des  Darmes,  vorsichtigste
  Diät,  Bettruhe  oder  Bewegung  je  nach  dem  Allgemeinbefinden  haben
oft  in  kaum  fünf  bis  acht  Tagen  normalen  Zustand  und  schließlich  glückliche
Beendigung  der  Schwangerschaft  herbeigeführt.  Da  sowohl  Mutterbänder
wie  Gebärmutter  in  gefülltem  Zustand  praller  sind  als  im  gewöhnlichen,  hat
letztere  auch  in  höherem  Grade  die  Neigung,  die  aufrechte  Stellung  beizubehalten
und  auf  angemessene  Behandlung  einzugehen.  Man  zögere  nur  nicht  zu  lange,
sich  in  ärztliche  Behandlung  zu  begeben.

Ist  die  Gebärmutter  angewachsen  und  eine  Richtigstellung  derselben
daher  unmöglich,  dann  bleibt,  wie  beim  unstillbaren  Erbrechen,  als  letztes
Hilfsmittel  nur  die  künstliche  Frühgeburt  übrig,  die  wir  Seite  331
besprechen.  Sie  ist  in  allen  jenen  Fällen  geboten,  in  welchen  die  Verhältnisse
  so  liegen,  daß  ein  natürlicher  Verlauf  der  Schwangerschaft  unwahrscheinlich
  ist  und  die  bestehenden  heftigen  Beschwerden  auf  keine  andere  Weise
zu  beseitigen  sind.

Vor  zufälligen  Erkrankungen  ist  eine  Schwangere  auch  keineswegs
geschützt;  sie  kann  Blattern,  Sumpffieber,  Lungenentzündung  bekommen,  und
sie  kann  erliegen  wie  jedes  andere.  Häufiger  aber  wird  die  Frucht  dadurch
abgehen,  und  die  Frau  wird  genesen.  Im  Volke  herrscht  der  Glaube,  daß
Schwangerschaft  besonders  vor  Infektionskrankheiten  schütze,  und  häufig  genug
blieben  auch  Frauen,  die  guter  Hoffnung  waren,  unberührt,  während  alles
um  sie  herum  dem  Krankheitsgift  erlag.  Es  ist,  als  würde  ihr  Organismus
in  diesem  Zustand  regere  Tätigkeit  entfalten  und  daher  ein  besserer  Stoffwechsel
  stattfinden.  Oft  ist  dies  aber  auch  nicht  der  Fall.

über  Syphilis  der  Schwangeren  ist  viel  geschrieben  worden.  Eine
gesunde  Frau  kann,  wenn  der  Vater  syphilitisch  war,  ein  syphilitisches  Kind
gebären,  ohne  selbst  je  neunenswerte  Zeichen  dieser  furchtbaren  Krankheit  an
sich  zu  tragen.  Sie  erkrankt  aber,  wenn  sie  während  der  Schwangerschaft
angesteckt  wird;  ihr  Kind  wird  dann  nicht  immer  nachweisbar  syphilitisch  sein.
Handelt  es  sich  nicht  mehr  um  „blühende“  Syphilis  der  Eltern,  so  werden
weder  Ausschlag  noch  Geschwülste  und  Geschwüre  entstehen,  sondern  es  werden
die  Früchte  mit  einigen  Monaten  abgehen,  weil  die  Keimzellen  syphilitischer
Eltern  meist  an  Widerstandskraft  einbüßen.  Eine  Sektion  der  Kindsleichen
wird  dann  beweisen,  ob  diese  selbst  Zeichen  der  Syphilis  an  sich  tragen,
oder  ob  die  Mutter  zu  schwache  Fortpflanzungsorgane  hatte,  um  die  Früchte
auszutragen.

Auch  Nierenkrankheiten  spielen  eine  besondere  Rolle  während  der
Schwangerschaft.  Es  gibt  eine  sogenannte  „Schwangerschaftsniere“,  deren
Symptome  mit  Beginn  und  Ende  der  Schwangerschaft  enge  zusammenhängen.
Sie  bestehen  in  Eiweißausscheidungen  mit  dem  Harn  und  in  Anschwellungen
verschiedener  Körperteile,  während  dabei  das  Allgemeinbefinden  schwankend  ist.