Lebensregeln  für  die  Schwangerschaft.  293

Man  lese  über  Behandlung  der  Nierenkrankheiten  nach,  sei  aber  bei  Schwangeren
besonders  vorsichtig.  Feuchtwarme  Packungen,  bis  leichte  Schweißerzeugung
erfolgt,  tägliche  Wasseranwendungen,  je  nach  Alter  und  Kräftezustand  ausgeführt,
  strenge  Milch=  und  Obstdiät,  Luftbäder,  Schlafen  in  Lufthütten  werden
Wunder  wirken,  wenn  das  Nierenleiden  nicht  schon  früher  bestand  und  vielleicht
  schon  unheilbar  geworden  war.  In  schweren  Fällen  tritt  Frühgeburt
ein  oder  man  ist  gezwungen,  durch  eine  künstliche  Frühgeburt  Hilfe  zu  bringen.
Selbstredend  sollten  Frauen,  bei  welchen  der  schwangere  Uterus  so  schwere
Reizerscheinungen  hervorruft,  niemals  wieder  empfangen.

Ebenso  verhält  es  sich  bei  Neurosen  und  Psychosen,  das  ist  bei
Nerven=  und  Gemütserkrankungen.  Letztere  sind  gar  nicht  so  selten,  wie  man
vielleicht  denken  könnte.  Melancholische  Gemütsstimmung,  Lebensüberdruß,
Hoffnungslosigkeit,  Gleichgültigkeit  gegen  Menschen  und  Dinge,  schließlich  eine
leidenschaftliche  Sehnsucht  nach  dem  Tode,  welche  zu  wohlüberlegten  Selbstmordplänen
  führt,  sind  uns  bei  jungen  Frauen,  die  in  glücklichen  Verhältnissen
  lebten,  wiederholt  begegnet.  Meist  ist  bei  solchen  erbliche  Veranlagung
zu  Geisteskrankheiten  und  Tuberkulose  im  Spiele,  vielleicht  auch  eine  Form
der  syphilitischen  Durchseuchung,  wie  sie  sich  auf  die  unglücklichen  Nachkommen
  vererbt.  Statt  Glück  und  Freude  bringt  solche  Schwangerschaft  nur
Sorge  und  Kummer  in  die  Familien,  und  die  arme  junge  Frau  ist  die  Unglücklichste
  von  allen.  Sorgfältigste  Behandlung  unter  ärztlicher  Uberwachung,
natürliche,  gesunde  Lebensverhältnisse,  kräftigende  Kuren  nach  erfolgter  Entbindung
  können  Hilfe  bringen;  jahrelange  Pausen  hinsichtlich  abermaliger
Empfängnis  ist  aber  ein  dringendes  Gebot,  wenn  die  Frau  erhalten  werden
soll.  Auch  ist  es  zu  verantwortlich,  einer  zu  Geisteskrankheiten  neigenden
Frau  Nachkommenschaft  zu  wünschen,  weil  nur  zu  oft  die  gleiche  Veranlagung
bei  den  Kindern  sich  einstellt  und  dadurch  schließlich  eine  kranke,  unzurechnungsfähige
  Bevölkerung  entsteht.  Also  keine  Kinder  bei  Schwindsucht  und  Geisteskrankheiten.


Mehr  oder  minder  heftige  nervöse  Leiden  sind  bei  schwangeren  Frauen
der  wohlhabenden  Stände  sehr  häufig.  Die  eine  leidet  immer  an  Gasbildung
im  Magen,  die  andere  an  quälender  Stuhlverstopfung,  die  dritte  an  Durchfällen
  bei  jeder  Anstrengung  oder  Erregung;  bei  vielen  ist  der  Schlaf  sehr
gestört;  allgemeine  Erregtheit  und  Ingstlichkeit  sind  vorhanden,  nicht  zu
bekämpfende  Kreuzschmerzen,  Wadenkrämpfe,  nervöser  Husten,  Rachenkatarrhe,
nervöses  Herzklopfen  usw.  Wer  zählt  die  Leiden  alle,  die  eine  verkehrte
Lebensweise  erzeugt  und  die  sich  naturgemäß  bei  eintretender  Schwangerschaft
in  oft  unerträglicher  Weise  steigern!  Schwer  ist  es  dann,  diese  Zustände  zu
beseitigen,  weil  man  aus  Rücksicht  für  das  wachsende  Ei  dem  Organismus
nicht  ungewohnte  Kuranwendungen  zumuten  darf;  es  heißt  also  meist:  aushalten,
  mit  Geduld  Unabänderliches  ertragen,  nach  erfolgter  Entbindung
aber  für  Kräftigung  und  Säuberung  des  Individnums  sowohl  von  körper-