Schwangerschaft  bei  anderen  Völkern.  299

zubringen.  Während  dieser  Tage  gebe  man  nur  leichte,  fleischlose  Kost,  mache
wie  bei  jeder  Wöchnerin  kalten  Leibaufschlag,  halte  alle  Erregungen  fern
und  führe  je  nach  dem  sonstigen  Befinden  kühle  Sitzbäder  oder  Übergießungen
  aus.

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Mie  es  andere  Völker  mit  der  Schwangerschaft  halten.

Bei  den  meisten  Völkern  arbeitet  die  Frau  bis  zur  Zeit  der  Niederkunft;
doch  wird  ihr  überall  dort,  wo  sie  in  ihrer  Stellung  als  Frau  und  Mutter
Achtung  genießt  und  ihre  Behandlung  keine  rohe  ist,  eine  gewisse  Rücksicht  zuteil.
Je  kultivierter  ein  Volk  ist,  je  reicher  und  vornehmer  die  Familie  ist,  welcher
die  schwangere  Frau  angehört,  desto  mehr  Schonung  erfährt  sie.  Der  Grad  derselben
  richtet  sich  auch  nach  der  Schätzung,  welche  das  Kind  besitzt,  was  sich
bei  Naturvölkern  stark  ausprägt.  Die  Indianer  Südamerikas  und  verschiedene
Inselbewohner  gestatten  der  Frau  keine  schwere  Arbeit  mehr,  wenn  sie  „guter
Hoffnung“  ist;  auf  den  Karolinen-Inseln  bedient  der  Mann  seine  Frau  in
diesem  Zustand  und  verdoppelt  seine  Zärtlichkeit  für  sie.  Leider  vermögen  wir
nicht  zu  berichten,  daß  es  der  unbemittelten  europäischen  Frau  der  Gegenwart
auch  immer  so  gut  geht!  Der  Mann  aus  dem  Volke  ist  nur  zu  oft  trotz  seiner
„höheren  Kulturstufe“  auch  während  ihrer  Schwangerschaft  so  roh  wie  vorher
mit  ihr,  und  das  Kind  wird  nicht  „geschätzt“,  sondern  mit  Gleichgültigkeit,
Kummer  oder  gar  Groll  erwartet  und  empfangen.  Vermehrung  der  Familie
ist  ja  im  alten  Europa  oft  kein  Glück  mehr,  das  man  erstrebt,  sondern
eine  Belastung,  ein  Unglück,  das  man  mit  allen  Mitteln  zu  verhindern  strebt.
Darnach  fällt  dann  die  Behandlung  der  Frau  und  des  Kindes  aus!

Im  alten  Indien  schon  empfahlen  die  Arzte  den  Schwangeren  größte
Vorsicht,  verboten  ihnen,  Lasten  zu  heben,  wie  jedwede  Üüberanstrengung;
die  Chinesen  nennen  den  Arzt,  der  schwangere  Frauen  überwacht,  „Beschützer
der  Leibesfrucht“;  er  wird  bei  jedem  Unwohlsein  gerufen.  Als  Hauptregel
gilt  bei  den  Chinesen:  „Mäßige  Bewegung,  die  nicht  zu  sehr  ermüdet.“

Die  Römer  waren  überraschend  fortgeschritten:  sie  verboten  den
schwangeren  Frauen  die  so  beliebten  kalten  Bäder,  ließen  aber  in  den  letzten
Monaten  warme  nehmen,  auch  Sitzbäder,  mit  oder  ohne  Abkochungen  von
Malven,  Leinmehl  und  anderem;  auch  machten  sie  Einspritzungen  mit  süßem  Ol,
um  die  Geburtswege  geschmeidiger  zu  machen.  Und  da  glauben  wir  Modernen,
daß  die  „Naturheilmethode"  erst  in  unseren  Tagen  erfunden  worden  sei!

In  einem  deutschen  Hebammenbüchlein  aus  dem  Mittelalter  sagt  Rößlin
in  seinem  „Der  schwangeren  Frawen  Rosegarten":

„Die  Schwangere  soll  nicht  faul  und  müßig  sein,  soll  sanft  einhergehen,
unmäßiges  Drücken  und  Springen  unterlassen.  Wenn  die  Entbindung  nahe
ist,  soll  sie  hohe  Stiegen  auf=  und  ablaufeu,  singen  oder  rusen.“  Dann  würde
die  Entbindung  eine  leichte  sein.