300  Schwangerschaft  bei  anderen  Völkern.

Auf  die  Ernährung  nehmen  auch  niedere  Völker  in  auffallender  Weise
Rücksicht.  Manche  „fesche  Wienerin“,  manche  „schneidige  Berlinerin“  unserer
Tage  könnte  sich  ein  Muster  nehmen  an  dem  Ernst  und  der  Treue,  mit  welchem  so
manche  Frau  aus  niederem  Volksstamm  ihren  Mutterpflichten  obliegt.  Dem  Genuß
  schädlicher  Reizmittel,  wie  Bier,  Wein,  Kaffee,  Essig,  Gewürze,  zu  reichlicher
Fleischnahrung  usw.,  wird  nicht  leichtsinnig  gefrönt,  als  wäre  es  gleichgültig,  was
man  in  dieser  Zeit  des  Werdens  in  den  mütterlichen  Körper  hineinbringt;
nein!  gehorsam  und  ergeben  entsagen  sie  auch  liebgewordenen  Gewohnheiten.

Hier  einige  Beispiele  aus  dem  reichhaltigen  Werk  von  Dr.  Ploß:  „Die
Indianerinnen  Brasiliens  enthalten  sich  während  der  Schwangerschaft  überhaupt
  des  Fleischgenusses,  und  das  Gleiche  findet  in  einigen  Gegenden  Japans  statt.
Auf  der  nördlichen  Landzunge  von  Celebes  haben  die  Alburenfrauen  während
der  Schwangerschaft  sich  des  Essens  von  stark  riechenden  Früchten  zu  enthalten,
ferner  auch  der  Krabben,  Seekrebse,  Aale.  Der  schwangeren  Jüdin  werden  in
der  Bibel  schon  Wein  und  andere  starke  Getränke  verboten.  Auf  den  Karolinen-Inseln
  darf  die  Schwangere  als  Getränk  nur  die  Milch  von  Kokosnüssen
  zu  sich  nehmen“.  In  einer  medizinischen  Schrift  der  Chinesen  ist
zu  lesen:  „Die  Schwangere  darf  bloß  süße  und  frische  Früchte,  mehr  vegetabilische
als  animalische  Nahrung,  durchaus  aber  keine  widrigen  und  schädlichen  Dinge
genießen.  Enthalten  muß  sie  sich  ganz  vorzüglich  aller  fetten  Speisen,  aller
bitteren,  aller  scharfen,  gesalzenen,  sowie  aller  sehr  heißen  Gerichte.  Gartengewächse
  vermehren  die  Säfte  ihres  Körpers  und  machen  ein  leichtes,  fröhliches
  Blut.“  (Hört  die  verspotteten  Chinesen,  ihr  klugen  Europäerinnen!)

Die  alten  Inder  hatten  für  jeden  einzelnen  Monat  der  Schwangerschaft
  ihre  besonderen  Diätvorschriften.  In  Sesrutas  Ayurvedas  heißt
es:  „Die  Schwangere  muß  angenehm  und  süß  schmeckende,  milde  aromatische
Speisen  genießen.“

Welche  lbereinstimmung  zwischen  den  Chinesen,  Indern  und  Indianern!
  Vergleicht  man  ihre  Lebensgewohnheiten  und  Anschauungen  mit
der  Unwissenheit  der  modernen  Frauen  unserer  Kultur  in  allen  natürlichen
Dingen,  so  möchte  man  die  Augen  beschämt  niederschlagen.  Dabei  drängt
sich  uns  schüchtern  die  Frage  auf:  Sind  wir  wirklich  allen  diesen  Völkern  so
überlegen,  wie  wir  uns  es  einbilden?  Sind  die  Vorteile  unserer  vielgepriesenen
hohen  Kultur  nicht  vielleicht  ausgewogen  durch  ihre  offenen  und  heimlichen
Nachteile?  Es  mögen  sich  die  Leser  selbst  die  Antwort  darauf  geben.

Sehr  belehrend  ist  ferner  für  uns  Europäer  das  Verhalten  zahlreicher
Völkerschaften  hinsichtlich  des  Geschlechtslebens.  Herrscht  vielleicht  auch  bei
Naturvölkern  die  eigentümliche  Ansicht,  daß  der  Gatte  seiner  schwangeren
Frau  recht  oft  beiwohnen  müsse,  um  zur  „Ernährung  des  Fötus“  etwas  beizutragen?
  Zwar  sehen  wir  dergleichen  nirgends  bei  noch  nicht  entarteten  Säugelieren)
  der  menschliche  Geist  hat  es  aber  immer  noch  getroffen,  zu  begründen,
was  ihm  erwünscht  erschien.  „Tatsächlich  gibt  es  eine  große  Anzahl  von