Schwangerschaft  bei  anderen  Völkern.  301

Völkern  in  allen  Teilen  der  bewohnten  Erde,  bei  welchen  der  Beischlaf
mit  einer  Schwangeren  auf  das  allerstrengste  verboten  ist.  In  den
allermeisten  Fällen  wird  das  Gebot  auch  nicht  übertreten,  sondern  mit  der
größten  Peinlichkeit  und  Strenge  von  den  Ehegatten  eingehalten.“  (Hört,  ihr
deutschen  Ehemänner!)  Vollständige  Enthaltsamkkeit  während  der  ganzen
Schwangerschaft  üben  die  Indianer  Nord-Amerikas,  die  Aschanti,  die  Eingeborenen
  der  Antillen  und  andere.  Teilweise,  besonders  vom  fünften  Monat
an,  ist  sie  bei  vielen  Völkerschaften  üblich,  weil  sie  von  dem  richtigen  Gedanken
geleitet  sind,  daß  geschlechtliche  Aufregung  der  Frau  dem  Kinde  schade.  Ein
Beischlaf  nach  dem  vierten  Monat  gilt  bei  ihnen  sogar  als  todeswürdiges
Verbrechen.  Bei  den  Medern  und  Persern  war  geschlechtlicher  Umgang  mit
einer  Schwangeren  durch  ein  religiöses  Gesetz  verboten.  ÜUbertretungen  wurden
schwer  bestraft.  Die  Rabbiner  stellten  im  Talmud  folgende  Lehre  auf:
„In  den  ersten  drei  Monaten  nach  der  Empfängnis  ist  der  Koitus  sowohl
für  die  Schwangeren  als  auch  für  die  Frucht  sehr  nachteilig;  wer  denselben
am  neunzigsten  Tage  ausübt,  begeht  eine  Handlung,  als  wenn  er  ein  Menschenleben
  vernichtet.“  So  die  alten  Juden,  die  so  viele  hygienische  Einrichtungen
hatten.  Wer  den  häufigen  Fehlgeburten  nachforschen  würde,  könnte  bald  erfahren,
  wie  oft  nur  geschlechtliche  Erregungen  ihre  Ursache  sind;  sie
sind  dann  allerdings  „Handlungen,  als  wenn  ein  Menschenleben  vernichtet
würde".  Bei  den  Chinesen  wird  die  Schwangerschaft  als  „Bettrennung“
betrachtet.  Allerdings  haben  die  Männer  der  meisten  niederen  Völker  Nebenweiber,
  welche  ihnen  die  Enthaltsamkeit  nicht  allzu  beschwerlich  machen;  vom
europäischen  Manne  aber  verlangt  die  Moral,  daß  er  wirklich  enthaltsam
lebe.  Wäre  seine  Erziehung  eine  andere,  würde  seine  Jugend  anders  beeinflußt
  werden,  so  könnte  er  auch  dieses  Verlangen  leicht  erfüllen.  Die  Enthaltsamkeit
  schadet  ihm  keinesfalls;  sie  trägt  nur  zu  seiner  körperlichen  Kräftigung
bei.  Die  Vielweiberei  stellt  ihn  dagegen  auf  eine  moralisch  tiefe  Stufe;  sie
nimmt  ihm  einen  Teil  seiner  menschlichen  Würde,  weil  eine  edle,  kraftvolle
Liebe  nur  für  ein  Weib  möglich  ist,  der  Verkehr  mit  mehreren  Weibern,  die
man  nur  ihrer  körperlichen  Reize  wegen  schätzt,  seiner  Handlungsweise  aber
einen  tierischen  Charakter  ausprägt.  Da  auch  in  unseren  Gegenden  eine  geheime
  und  viel  niedrigere  Vielweiberei  als  im  Orient  getrieben  wird,  die  den
Mann  entsittlicht,  so  muß  man  leider  sagen,  daß  der  orientalische  Mann  in
vieler  Hinsicht  höher  steht  als  der  Europäer,  trotzdem  er  öffentlich  nicht  nur
einer  Frau  angehört.  Das  Verhältnis,  in  dem  er  zu  vier  bis  fünf  Frauen
steht,  die  ihm  lieb  sind  und  deren  Kinder  er  auch  liebt,  ist  ein  bedentend
schöneres  und  natürlicheres  als  jenes,  das  ein  gebildeter,  aber  unsitllicher
Europäer  in  versteckter  Weise  eingeht,  indem  er  Bordelle  besucht  oder  ein  gemeines,
  heimliches  Liebesverhältnis  mit  einer  unsittlichen  oder  gar  bezahlten
Frau  anknüpft.  Charaktervolle  Männer,  die  in  schöner  Ehe  mit  ihren  Frauen
leben,  deren  Selbstachtung  größer  ist  als  ihre  tierischen  Triebe,  entwürdigen