Normale  Entbindnng.  309

Die  Geburt.

Die  normale  Entbindung.

Die  Ausstoßung  der  Leibesfrucht  aus  dem  mütterlichen  Organismus
nennt  man  die  Geburt.  Sie  tritt  nach  Ausreifung  der  Frucht  sowohl  wie
auch  vorzeitig  ein,  bevor  erstere  die  Fähigkeit  zu  selbständigem  Dasein  erlangt
hat.  In  letzterem  Falle  spricht  man  von  einer  Früh=  oder  Fehlgeburt.

Die  Ausstoßung  der  reifen  Leibesfrucht  tritt  ein,  wenn  diese  erstens
die  Fähigkeit  erlangt  hat,  außerhalb  des  weiblichen  Organismus  weiter  zu
leben,  und  wenn  sie  zweitens  so  groß  geworden  ist,  daß  sie  nicht  mehr  Raum
genug  im  Becken  der  Mutter  findet,  was  daher  zu  gewissen  Reizerscheinungen
führt.  Diese  Reize  sind  ihrerseits  die  Ursache  kräftiger  Zusammenziehungen
der  Gebärmutter,  die  ja,  wie  bekannt,  netzförmig  übereinandergelagerte
Muskelfasern  besitzt.  Durch  diese  Zusammenziehungen,  die  im  oberen  Teile
der  Gebärmutter  beginnen  und  sich  allmählich  nach  unten  fortsetzen,  wird  der
kindliche  Körper  dahin  gedrängt,  wo  er  den  geringsten  Widerstand  findet,  und
dies  ist  nach  unten,  in  das  kleine  Becken  hinein.  (Man  lese  im  I.  Teile  nach,
was  über  das  knöcherne  Becken  (siehe  Fig.  5]  und  die  Gebärmutter  Seite  42
und  43  gesagt  ist.)  Diese  Zusammenziehungen  der  Gebärmutter  werden  bei
fortschreitendem  Vorrücken  des  Kindes  nach  unten  immer  heftiger  und  durch
Zusammenziehungen  der  Bauchmuskulatur  nachhaltig  unterstützt.  Man  nennt
sie  „Wehen“.  Es  sind  die  treibenden  Kräfte,  welche  die  Ausstoßung  der
Leibesfrucht  bewirken.  Selbstredend  ist  die  Ausstoßung  aber  nur  möglich,
wenn  die  Geburtswege  keine  Hindernisse  bieten,  so  daß  der  kindliche  Körper
nicht  auf  zu  große  Widerstände  stößt.  Wir  haben  also  zuerst  mit  zwei
Faktoren  zu  rechnen:  den  treibenden  Kräften  und  den  Geburtswegen.
  Erstere  müssen  ausgiebig  sein,  letztere  günstig  beschaffen.  Als
dritter  Faktor,  der  mitunter  übel  mitspielt,  kommt  der  kindliche
Körper  selbst  in  Betracht.  Er  darf  weder  zu  groß  sein,  noch  darf  der
vorangehende  Teil  zu  hart  werden.  Es  entsteht  sonst  ein  Mißverhältnis
zwischen  der  Leibesfrucht  und  den  Geburtswegen.  Letztere  bestehen  aus  dem
kleinen  Becken  und  den  äußeren  Geschlechtsteilen  des  Weibes.

Wie  schon  an  anderen  Stellen  auseinandergesetzt  wurde,  erhebt  sich  die
gefüllte  und  an  Umfang  zunehmende  Gebärmutter  aus  ihrer  ursprünglichen
Umgebung,  dem  kleinen  Becken,  in  das  große  Becken,  wodurch  ihr
Eingang,  der  Muttermund,  höher  zu  stehen  kommt.  Es  muß  daher  der
vorandringende  Kopf  des  Kindes  nicht  nur  den  engen  Muttermund  erweitern,
sondern  auch  die  härteste  und  engste  Stelle  des  knöchernen  Beckens  (siehe