Normale  Entbindung.  311

Leben  des  Kindes  bedrohlich  wurden,  einzutreten.  Bei  normalen  Entbindungen
schreit  es  sofort  nach  der  Ausstoßung,  ohne  unser  Zutun;  ebenso  wird  es
ohne  jegliche  Hilfe  oder  Unterstützung  an  das  Licht  der  Welt  gesetzt.  Die
Natur  hat  also  keine  Hebammen  oder  Arzte  zur  Geburt  nötig;  sie  besorgt
allein  und  vortrefflich,  was  zu  machen  ist,  wenn  man  sie  nicht  hindert.  Wozu
haben  wir  dann  aber  Hebammen  und  „Geburtshelfer“?  Ach,  weil  es  sehr
häufig  nicht  normal  zugeht  bei  der  Entbindung  und  weil  ohne  energische  Hilfe
für  Mutter  oder  Kind  manches  Leben  geopfert  würde.  Wo  es  sich  aber
nicht  um  solche  Gefahren  handelt,  da  ist  man  bemüht,  der  Frau  die  anstrengende
Arbeit  durch  Hilfeleistungen  aller  Art  zu  erleichtern,  sie  vor  Mißgriffen  zu
bewahren,  durch  Pflege  und  Schonung  ihre  Kräfte  zu  erhalten  und  das  Neugeborene
  sofort  in  die  günstigsten  Verhältnisse  zu  versetzen.  Bei  jungen  Müttern
ist  außerdem  die  Unkenntnis  und  Aufregung  oft  so  groß,  daß  Beruhigung
und  Unterstützung  seitens  erfahrener,  älterer  Personen  sehr  notwendig  sind.
Darum  brauchen  wir  also  Hebammen  und  zwar  recht  tüchtige,  welche  sich  nicht
darauf  beschränken,  die  Wöchnerin  zu  reinigen  und  das  Kind  anzukleiden,
sondern  Aufklärung  und  Unterstützung  neben  wohlbedachter  Körperpflege  in
reichem  Maße  zu  gewähren.  In  Fällen  der  Not  ist  jede  gesunde  Mutter
imstande,  allein  zu  entbinden,  ja  auch  die  Nabelschnur  zu  trennen,  um  das
Kind  aus  dem  Zusammenhang  mit  der  Nachgeburt  zu  lösen,  und,  wenn  es
sein  muß,  mit  dem  Kinde  im  Arm  ein  Stück  Weg  zurückzulegen.  So  hat
es  manche  kräftige  Bäuerin  getaun,  die  im  Felde  unerwartet  schnell  niederkam,
und  so  machen  es  die  Wilden,  die  im  Busche  gebären  und  dann  ihrer  Truppe,
die  sich  nicht  aufhalten  läßt,  nachlaufen.  Dies  zur  Ermutigung  aller  Zaghaften
  und  Angstlichen,  die  noch  so  wenig  Ehrfurcht  vor  den  Naturkräften
haben,  daß  sie  denken,  ohne  Menschenhilfe  und  Menschenweisheit  komme  nichts
zustande.  Und  doch  bieten  uns  diese  nur  elenden  Notbehelf,  wenn  uns  Mutter
Natur  einmal  wirklich  im  Stiche  läßt!

Die  Lage  der  Gebärenden  kann  verschieden  sein.  Schwache  Frauen
nehmen  nur  Rücken=  oder  Seitenlage  ein;  kräftige  dagegen  können  den
Geburtsvorgang  durch  eine  natürliche  Stellung  unterstützen,  in  welcher  die
Schwere  des  Kindes  nach  unten  wirkt.  Das  ist  die  knieende  Stellung  mit
gespreizten  Beinen.  Läßt  man  sich  im  Kreuze  stützen,  hebt  man  sich  selbst  am
Bettgestell  und  preßt  man  tüchtig  nach  unten,  dann  kann  die  Austreibung
der  Frucht  bei  guten  Geburtswegen  dadurch  recht  beschleunigt  werden.

Geht  alles,  wie  es  gehen  soll,  dann  wird  auch  die  Nachgeburt  (siehe
Fig.  180),  das  ist  der  Mutterkuchen  samt  Nabelschnur,  schon  in  der  ersten
Viertelstunde  nach  der  Geburt  des  Kindes  ausgestoßen,  ohne  Nachblutung,
ohne  besondere  Beschwerden.  Die  Mutter  ist  fröhlich,  freut  sich  ihres  Kindes,
verlangt  zu  essen  und  macht  darnach  ein  gesundes  Schläfchen.  Die  Geburt
dauert  vom  Beginn  der  Wehen  bis  zur  Ausstoßung  des  Kindes  bei  Erstgebärenden
  etwa  zwölf  Stunden;  bei  Mehrgebärenden  sünf  bis  sechs  oder