Geburtshilfliche  Operationen.  333

zuleben.  So  wie  man  im  praktischen  Amerika  beginnt,  Brautpaaren,  die  mit
Tuberkulose,  Geisteskrankheiten  und  anderem  behaftet  sind,  die  Verheiratung
zu  verbieten,  damit  durch  sie  keine  kranke  Nachkommenschaft  erzeugt  werde,
so  wird  die  Zukunft  sicher  auch  uns  Gesetze  bringen,  welche  kranke  Frauen  in
dem  angegebenen  Sinne  schützen  werden.  Möchte  ihnen  die  aufgeklärte
Frauenwelt  vorarbeiten.

Noch  eine  Geburtsgeschichte!  Eine  Arztin  erzählt  aus  ihrer  Praxis
folgenden  interessanten  Fall,  der  manche  junge  Frau  fesseln  dürfte:  „Im  Mai
kam  ein  Ehepaar  zu  mir,  das  in  seiner  jungen  Ehe  schon  Trauriges  erlebt
hatte.  Das  erste  Kind  war  im  Mutterleib  getötet  worden,  da  der  Kopf
wegen  Beckenenge  nicht  geboren  werden  konnte.  Die  Frau  war  sehr  elend
während  und  nach  der  Operation  und  sah  mit  Bangen  einer  zweiten  Niederkunft
  entgegen.  Aber  sie  blieb  nicht  untätig.  Sie  las  und  forschte  nach
Rettungsmitteln,  und  als  sie  abermals  guter  Hoffnung  war,  besuchte  sie
verschiedene  Arzte  und  Naturheilkundige,  um  Verhaltungsmaßregeln  und
eingehendere  Beurteilung  ihres  Zustandes  von  ihnen  zu  empfangen.  Leider
sagte  ihr  jeder  etwas  anderes!  Nun  hatte  man  sie  zu  mir  gewiesen.  Der
Untersuchungsbefund  ergab:  anämische,  kleine,  schwächliche  Frau  von  29  Jahren,
äußere  Beckenmaße  normal,  Gebärmutter  nach  hinten  verlagert,  im  zweiten
Monat  schwanger,  schlechtes  Allgemeinbefinden,  gerader  Durchmesser  des
Beckens  etwas  verengt.  (Sie  hatte  spät  laufen  gelernt,  es  war  also  wohl
Knochenschwäche  vorhanden  gewesen  und  davon  die  stärkere  Krümmung  des
Promontoriums  (Vorberges)  zurückgeblieben.  Siehe  Becken  Fig.  348  und  349.)
Meine  Aufgabe  bestand  zunächst  in  der  Aufrichtung  der  Gebärmutter  und  in
kräftigenden  Bädern,  damit  ein  Austragen  der  Frucht  möglich  werde.  Nach
wenigen  Tagen  schon  hatten  wir  das  Ziel  erreicht,  und  die  junge  Frau  konnte
bei  gutem  Befinden  und  mit  neuem  Mute  in  ihr  Heim  zurückreisen.  Der  Uterus
blieb  in  richtiger  Lage,  und  die  Beschwerden  waren  verschwunden.  Brieflich
blieb  ich  in  Verbindung  mit  ihr.  Sie  war  mehrjährige  Vegetarianerin  und
befolgte  daher  mit  Leichtigkeit  eine  Diät,  die  den  Zweck  hatte,  die  kindlichen
Knochen  weich  zu  erhalten.  (Siehe  Seite  322.)  Alle  kalkhaltigen  und  nährsalzreichen
  Nahrungsmittel  wurden  vermieden,  dagegen  viel  süße  Früchte
genossen.  Außerdem  machte  sie  im  Sommer  viel  Luftbäder  und  fast  täglich
ein  Sitzbad,  von  38%  bis  24°%  C.  abgekühlt.  Ihr  Befinden  war  im  ganzen
ein  sehr  gutes,  ihre  Kräfte  nahmen  zu.  Da  ich  die  Niederkunft  auf  Ende
Dezember  oder  Anfang  Januar  in  Aussicht  stellte,  ließ  ich  die  junge  Frau
schon  am  20.  Dezember  nach  meinem  Wohnort  kommen,  wo  sie  sich  in  ruhiger
Pension  einmietete.  Dort  blieb  sie  unter  meiner  Aufsicht.  Der  Kopf  des  Fötus
stand  nach  der  Ankunft  über  dem  Beckeneingang,  wich  aber  wieder  ab;  es  traten
verschiedene  Schmerzen  ein;  ausgesprochene  Wehen  stellten  sich  aber  erst  am
6.  Jannar  ein.  Es  wurde  also  endlich  ernst,  nachdem  sich  der  kleine  Bürger
möglichst  lange  Zeit  gelassen  hatte.  Die  Wehen  waren  gut  und  hielten  die