334  Geburtshilfliche  Operationen.

ganze  Nacht  an;  der  Kopf  aber  trat  nicht  in  das  Becken  ein,  trotz  heißer
Sitzbäder  und  Unterstützung  der  Wehen  durch  Druck  mittelst  meiner  Hände
von  oben.  Die  Frau  fing  an,  Hoffnung  und  Geduld  zu  verlieren  und  zeigte
Zeichen  der  Erschöpfung.  Das  Ehepaar  wünschte  sehnlichst  ein  Kind;  beide
weinten  über  die  schlechten  Aussichten,  und  nun  hieß  es  bald,  Entschlüsse  zu
fassen,  um  die  Mutter  nicht  in  Gefahr  zu  bringen  und  ein  lebendes  Kind
zu  erzielen.  Da  gab  es  nur  zwei  Wege:  entweder  Wendung  und  Geburt
des  Kindes  in  künstlicher  Fußlage  oder  Kaiserschnitt.  Das  erste  hatte  die
Gefahr,  daß  das  Kind  bei  zu  großem  Kopfe  abermals  nicht  geboren  werden
könnte,  weil  es  trotz  des  Zuges  an  den  Füßen  mit  dem  zu  wenig  nachgebenden
  Kopfe  im  engen  Beckeneingange  stecken  bleiben  würde;  das  zweite,
daß  man  bei  der  Mutter  einen  nicht  ungefährlichen  Eingriff  in  den  Organismus
  machen  müßte,  der  ihr  vielleicht  neue  Schwächezustände  schaffte;  allerdings
  wäre  dann  ein  lebendes  Kind  erzielt  worden.  Ich  ließ  einen  erprobten
  Operateur  kommen,  um  mit  dem  Ehepaar  alle  „Für“  und  „Wieder“
zu  besprechen  und  ihren  Entschluß  zu  erleichtern.  Da  trat  plötzlich  um  elf  Uhr
vormittags,  nachdem  die  Wehen  von  acht  Uhr  abends  angehalten  hatten,  Blasensprung
  ein,  und  es  wurde  beschlossen,  noch  einige  Stunden  zu  warten.  Die
Wehen  verstärkten  sich  unter  dem  abfließenden  Fruchtwasser  und  tatsächlich
senkte  sich  jetzt  der  Kopf.  Nun  wuchs  meine  Zuversicht,  und  als  um  zwei  Uhr
der  Operateur  nochmals  nachzusehen  kam,  da  war  der  Kopf  zwar  noch  nicht
fest  im  Becken,  aber  doch  endlich  wirklich  eingetreten,  und  wir  beschlossen
gemeinsam,  für  einen  eventuellen  Kaiserschnitt  in  der  Klinik  des  Operateurs
alles  vorzubereiten,  vorläufig  aber  nochmals  abzuwarten.  Es  konnten  noch
weitere  Fortschritte,  oder  aber  auch  plötzliche  Erschöpfung  und  Wehenschwäche
seitens  der  Kreisenden  eintreten.  Dann  war  das  Kind  mit  Sicherheit  abermals
  verloren,  wenn  man  sich  nicht  zum  Kaiserschnitt  entschloß.  So  stand
es  um  2  Uhr.  Die  Preßwehen  nahmen  von  nun  an  jedoch  an  Heftigkeit  von
Viertelstunde  zu  Viertelstunde  zu;  die  Frau  leistete  durch  Überwindung  der
Schwierigkeiten,  die  der  Kopf  fand,  eine  ungeheure  Muskelarbeit  und  rief
immer  wieder,  daß  sie  es  nicht  mehr  aushalten  könne.  Um  drei  Uhr  war
unter  zunehmender  Aufregung  der  Kreisenden  —  das  Kind  da.  Ein  prächtiger
Junge  von  über  sieben  Pfund  Gewicht,  so  rein,  als  ob  er  schon  gebadet
worden  wäre.  War  das  eine  Freude,  ein  Glückl  Die  Frau  war  sehr  erschöpft,
und  nun  schienen  sich  neue  Schwierigkeiten  einzustellen:  die  Nachgeburt
zögerte.  Ich  gab  heiße  Bauchflaschen,  dann  kalte  Rückenabwaschung,  kalten
Leibaufschlag,  massierte  die  Gebärmutter,  es  half  nichts.  Drei  Stunden  waren
verflossen,  es  mußte  gehandelt  werden,  wenn  nicht  abermals  ein  operatives
Eingreifen  in  Aussicht  genommen  werden  sollte.  Nun  ließ  ich  die  Frau  entkleidet
  vom  Gatten  und  der  Hebamme  über  eine  Sitzbadewanne  halten  und  goß
einen  Krug  mit  42°%,  C.  auf  den  Bauch,  dann  einen  solchen  mit  14°  C.
Sie  quickte  gehörig  dabei,  nannte  mich  auch  „sfurchtbar  energisch“;  aber  es