Nachgeburt.  335

half  und  war  doch  entschieden  ein  besseres  Verfahren  als  die  künstliche  Lösung
der  Plazenta  (Mutterkuchen)  durch  die  Hand,  wonach  so  hänufig  schwere
Erkrankungen  beobachtet  werden.  Kaum  war  sie  im  Bette  geordnet,  so  lag
auch  schon  ein  großer  Klumpen  auf  der  Unterlage:  der  Reiz  des  heißen  und
kalten  Wassers  hatte  die  etwas  schlaffgewordene  Gebärmutter  zu  neuer  Energie
befähigt.  Nun  erst  war  alles  gut!  Seit  dem  Vorabend  hatte  die  Wöchnerin
nichts  genossen  als  Zitronenlimonade,  Zuckerwasser  und  Apfelsinensaft;  eine
Wurzelsuppe  mit  Grünkernflocken  schmeckte  ihr  nicht;  jetzt  klagte  sie  über
Hunger.  Beste  rohe  Kuhmilch  hatte  ich  vorher  schon  bestellt,  und  nun  schlürfte
sie  diese  mit  Behagen  und  aß  einige  Nährsalz-Biskuits  dazu.  Hatten  wir  vorher
kalkreiche  Speisen  vermieden,  so  mußten  wir  sie  jetzt  nicht  nur  zur  Kräftigung
der  Frau  wegen  bevorzugen,  sondern  auch  um  gute  Milch  für  den  Säugling
zu  erzeugen.  Außerdem  bekam  sie  am  nächsten  Tage  noch  Hafergrützsuppe
(Hohenlohesche)  und  frische  Apfel.  Der  Darm  war  durch  mehrfache  Klystiere
schon  während  der  Nacht  nahezu  vollständig  entleert  worden,  und  das  Zuckerwasser
  (Kandiszucker  oder  kristallisierter  Rohrzuckersaft  in  Wasser  aufgelöst)
hatte  sich  gut  bewährt;  denn  es  waren  die  Wehen  so  kräftig,  daß  keine  wehenerregenden
  Bäder  mehr  von  ein  Uhr  nachts  an  nötig  geworden  waren.  Blutung
hatte  gar  keine  stattgefunden,  und  nun  kam  der  letzte  Abschnitt  der
Geburtsgeschichte:  die  Tätigkeit  der  Brustdrüsen.  Ich  hatte  die  Warzen
schon  wochenlang  vorher  kühl  baden  und  einölen  lassen,  um  die  Haut  widerstandskräftig
  zu  erhalten,  ebenso  mußten  sie  täglich  gezupft  und  gestrichen
werden.  Sie  waren  daher  lang  und  gut  vorbereitet.  Trotz  des  „schlechten
Futters“  der  jungen  Frau,  bei  dem  so  viele  Leute  verhungern  zu  müssen
glaubten  (denn  es  fehlte  seit  so  langer  Zeit  Fleisch,  Bier,  reichlich  Mehlspeisen),
hatte  die  kleine,  schwächliche  Frau  genügende  Milch  und  nahm  sichtbar  an
Kräften  zu.  Der  Kleine  machte  zwar  während  der  ersten  Tage  mit  dem  Trinken
Anstände,  da  er  von  der  langen  Geburt  etwas  angegriffen  schien;  endlich  aber
besann  er  sich  eines  besseren  und  zog  tüchtig.  Außer  dem  Näbelchen,  das  schlecht
heilte,  und  den  Verdanungsbeschwerden  der  Mutter,  welche  die  Kuhmilch  nicht
gut  vertrug,  verlief  alles  nach  Wunsch,  und  nach  Monaten  erhielt  ich  aus  ihrer
Heimat  die  besten  Nachrichten  von  dem  Befinden  der  Mutter  und  des  Kindes.“
Diese  Geburtsgeschichte  beweist,  daß  auch  bei  schwächlichem  Körperbau  und  anusgesprochenem
  Körperfehler  durch  umsichtige  Methoden  noch  viel  zu  erreichen  ist.

2#

Die  UDachgeburt.

Wir  behandeln  sie  in  einem  besonderen  Abschnitt,  weil  sie  in  dem  Geburtsverlauf
  eine  große  Rolle  spielt.  Auf  Seite  296  ist  ausgeführt  worden,  welche
Bedeutung  der  Mutterkuchen,  die  Nachgeburt,  hat,  und  auf  Tasel  Nr.  9  sehen