Kindbettfieber.  343

Das  Kindbettfieber.

Das  Fieber,  das  bald  nach  einer  Entbindung  eintritt  und  durch  Entzündungszustände
  der  Beckenorgane  entsteht,  daher  mit  Recht  sehr  gefürchtet
ist,  heißt  „Kindbettfieber".  Jede  Entbundene  ist  eine  Verwundete  und
bietet  daher  als  solche  Gelegenheit  zu  Wundkrankheiten,  die  durch  das
Eindringen  von  Fremdkörpern  in  die  Wunden,  zuweilen  auch  durch  Bildung
von  Selbstgiften  in  der  Blutbahn  der  Wöchnerin  hervorgerufen  werden.

Erst  in  den  vierziger  Jahren  des  neunzehnten  Jahrhunderts  kam  man
darauf,  daß  die  in  den  Spitälern  auftretenden  Epidemien  von  Kindbettfieber
auf  Vergiftung  der  Wöchnerinnen  durch  Studenten  und  Arzte  zurückzuführen
sind  und  daher  zu  verhüten  wären.  Der  Wiener  Arzt  Dr.  Semmelweiß
stellte  den  Satz  auf,  daß  jedes  Puerperalfieber  (Kindbettfieber)  durch  Aufsaugung
  eines  zersetzten  tierisch-organischen  Stoffes  entsteht,  der  bei
operativen  Eingriffen  sowie  durch  unsaubere  Pflege  in  den  Organismus  der
Frauen  gebracht  wurde.  Werden  diese  Stoffe  abgetötet,  bevor  die  Wöchnerin
berührt  wird,  so  kann  keine  Infektion  (ÜUbertragung)  stattfinden.

Bevor  diese  Lehre  Fuß  faßte  —  anfangs  wurde  sie  unbegreiflicherweise
heftig  angegriffen  —  starben  an  einzelnen  Kliniken  von  Hundert  10  bis  26
Frauen  an  Kindbettfieber.  Das  waren  fürchterliche  Zahlen!

Semmelweiß  wurde  als  „Wohltäter  der  Menschheit“  gepriesen,  denn  ihm
verdanken  wir  hauptsächlich  die  „Antisepsis  im  Wochenbett“,  das  ist  die  Forderung
  der  absoluten  Reinlichkeit  und  Keimfreiheit  aller  Hände  und  Geräte,
die  mit  der  Wöchnerin  in  Berührung  kommen.  Die  Mortalität  (Sterblichkeit)
sank  hierauf  ganz  bedeutend,  und  es  begannen  große  Reformen  in  der  Behandlung
der  Gebärenden.  Doch  war  man  noch  lange  nicht  beim  Rechten  angelangt.  Die
Antisepsis  (Fäulniswidrigkeit)  verführte  zu  einem  anderen  folgenschweren  Irrtum,
nämlich  zur  übermäßigen  Verwendung  keimtötender  Mittel,  welche  die  armen
Frauen  in  neue  Gefahren  stürzten.  Man  übergoß  Menschen  und  Geräte  mit
Karbol  und  Sublimat,  mit  welchen  man  auch  alle  Verwundeten  in  den  siebziger
  Jahren  überschwemmte.  Dieses  neue  Verfahren  fand  kräftige  Unterstützung
durch  den  englischen  Arzt  Lister,  welcher  die  antiseptische  Wundbehandlung
im  allgemeinen  gleichzeitig  einführte  und  dadurch  das  Verständnis  für  die  Semmelweißsche
  Theorie  wesentlich  förderte.  Erst  nachdem  unzählige  Menschen
durch  Vergiftung  mit  Karbol  oder  Sublimat  Schaden  gelitten  hatten  oder
gestorben  waren,  entstand  allmählich  die  Asepsis,  das  ist  die  Keimfreiheit
ohne  Anwendung  der  genannten  Giststoffe,  und  nun  erst  sank  die  Sterblichkeit
der  Wöchnerinnen  auf  kaum  ein  Prozent.  Der  Weg  zur  Wahrheit  war  lange!

Jetzt  war  es  zur  strengen  Forderung  geworden,  daß  Arzte  und
Pflegerinnen  ihre  Hände  mit  Bürste,  Seife,  Soda  oder  etwas  Sublimat
bearbeiten  mußten,  um  nur  im  Zustande  absoluter  Reinheit  die  Wöchnerin
zu  berühren;  daß  man  letztere  vor  der  Geburt  ein  Reinigungsbad  nehmen