344  Kindbettfieber.

ließ  und  die  äußeren  Geschlechtsteile  mit  Seifenwasser  reinigte  und  zu  Ausspülungen
  nur  abgekochtes  Wasser  oder  höchstens  schwache  Mischungen  mit
Lysol  verwandte.  Instrumente  und  Verbandmittel  wurden  ausgekocht  und
sorgfältig  aufbewahrt.  Untersuchungen  von  Wöchnerinnen  durften
nicht  mehr  vorgenommen  werden,  wenn  man  vorher  mit  Leichen
oder  ansteckenden  Krankheiten  zu  tun  gehabt  hatte.  Das  war  das
zweite  Hauptgebot.  Der  Erfolg  dieses  Verfahrens  war  großartig!

Wenn  bei  dieser  Behandlung  eine  Frau  noch  Kindbettfieber  bekommt,
dann  ist  es  die  Folge  von  schweren  Operationen,  von  zurückgebliebenen,  in
Fäulnis  geratenen  Eihautresten  öder  von  krankhaften  Stoffwechselprodukten,
die  durch  die  Erschütterung  der  Geburt  frei  wurden  und  das  Fieber  hervorriefen.
  Der  letzte  Fall  ist  selten,  kommt  aber  vor,  wenn  die  Fran  krank  ist
oder  einige  Zeit  vor  der  Geburt  mit  Tripper  infiziert  wurde  und  nach  der
Entbindung  eine  Entzündung  der  Gebärmutter  bekommt.

Die  geburtshilflichen  Operationen  bilden  für  die  Wöchnerinnen
stets  die  größte  Gefahr,  auch  wenn  sie  so  aseptisch  als  möglich  ausgeführt
werden,  sind  sie  doch  fast  immer  von  leichtem  Fieber  gefolgt,  weil  die  Verwundungen
  und  Erschütterungen  des  Nervensystems  zu  große  dabei  sind.  Richtig
angepaßte  Wasserbehandlung  wird  es  aber  in  mäßigen  Grenzen  halten.

Sind  Eihautreste  zurückgeblieben  oder  in  Fäulnis  übergegangen,  dann  bleibt
nur,  wenn  vorher  noch  nichts  anderes  getan  wurde,  um  die  Selbsttätigkeit  des
Organismus  anzuregen,  die  Ausräumung  der  Gebärmutter  übrig,  die  bei  einsichtsvollen
  Frauen  bald  nach  der  Entbindung  in  vorsichtiger  Weise  auch  ohne
Narkose  ausgeführt  werden  kann.  Mit  entsprechenden  Instrumenten  werden
die  fauligen  Rückstände  herausgeholt  und  wird  die  Gebärmutter-Innenhaut  zart
abgeschabt.  Blutungen,  Fieber  schwinden  dann  um  so  rascher,  je  entschiedener
man  mit  kaltem  Sitzbad  und  kaltem  Leibaufschlag  bei  reizloser  Diät  einwirkt.

Ein  schweres  Kindbettfieber  entwickelt  sich  nach  Operationen  immer
nur  dann,  wenn  man  nicht  aseptisch  vorging,  wenn  man  brutal  operierte  und
dabei  die  Frau  zu  sehr  verwundete,  oder  wenn,  wie  schon  erwähnt,  gleichzeitig
besondere  Neigung  zu  Entzündungszuständen  vorhanden  war.

Außer  einem  leichten  Resorptionsfieber  (infolge  Aufsaugung  von
Wundsekreten)  kann  Kindbettfieber  infolge  einer  Gebärmutterentzündung,
cines  sogenannten  Puerperalgeschwürs  an  den  äußeren  Genitalien,  einer
eitrigen  Entzündung  des  Beckenbindegewebes  (Parametritis),  einer  Entzündung
  des  Bauchfelles  (Peritonitis)  und  schließlich  in  seiner  gefährlichsten,
  oft  tödlich  verlaufenden  Form  infolge  allgemeiner  Sepsis,  das
ist  Vergistung  des  ganzen  Körpers  durch  Verbreitung  des  Infektionsstoffes
auf  den  Gefäßwegen,  entstehen,  was  bei  ausgebreiteten  Wundflächen  und
geöffneten  Blut=  und  Lymphgefäßen  sehr  leicht  geschehen  kann.  Diese  letztere
ist  diejenige  Form,  der  früher  so  viele  ahnungslose  Frauen  in  den  Krankenhäusern
  in  drei  bis  vier  Tagen  zum  Opfer  fielen.