Geburtshilfe  bei  anderen  Völkern.  35

ci

Die  Geburtshilfe  bei  anderen  Völkern.

Bei  ganz  wilden  Völkern  bleibt  die  Frau  in  ihrer  sogenannten  „schweren
Stunde“  ohne  jegliche  Hilfe  und  Unterstützung.  Sie  ist  allein,  besorgt  die
nötigen  Handgriffe  selbst,  und  niemand  zeigt  ihr  Teilnahme.  Auch  beim
Tiere  finden  Entbindungen  in  dieser  Weise  statt.  Gesund,  kräftig  und
unbefangen,  wie  Menschen  der  untersten  Kulturstufe  sind,  haben  sie  dies  auch
nicht  nötig,  und  selten  verunglückt  eine  Mutter  dabei.  Bei  höher  entwickelten
Völkern  leistet  der  Mann  Hilfe,  die  nach  unseren  Begriffen  sehr  brutal,  aber
doch  meist  recht  wirksam  sein  dürfte.

Bei  anderen  Völkern  hat  das  weibliche  Geschlecht  die  Geburtshilfe
ganz  an  sich  gezogen;  Freundinnen,  alte  Frauen  helfen  und  sorgen,  so  gut
sie  es  verstehen,  wobei  natürlich  abergläubische  Gebräuche  eine  große  Rolle
spielen.  Aus  dieser  Sitte  ist  dann  endlich  der  Stand  der  Hebammen  her—
vorgegangen,  die,  mehr  oder  minder  vorgebildet,  auch  im  Altertum  sich
schon  vorfinden  und  bei  den  Griechen  großen  Einfluß  hatten.  Sie  durften
Arzneien  geben,  um  einen  Abortus  einzuleiten,  mußten  beschwörende  Gesänge
anstimmen,  um  eine  Niederkunft  zu  beschleunigen,  und  preßten  den  Leib  der
Gebärenden  mit  einem  Tuche  zusammen,  um  befördernd  einzuwirken.  Man
verstand  auch  schon,  durch  die  Lagerung  der  Kreißenden  auf  den  Geburtsvorgang
  einzuwirken,  und  Wendung  auf  den  Kopf  sollen  schon  alte
griechische  Arzte  bei  falschen  Lagen  ausgeführt  haben.

Die  römischen  Hebammen  kannten  bereits  die  Untersuchung  mit  der  Hand;
ja  sie  eröffneten  sogar  künstlich  den  Muttermund,  um  die  Geburt  zu  erleichtern;
zur  Entfernung  der  Nachgeburt  gebrauchten  sie  Nießmittel.  Als  dann  endlich
in  Italien  im  14.  Jahrhundert  der  erste  weibliche  Leichnam  eröffnet  wurde,
begann  mit  neuen  anatomischen  Studien  langsam  auch  eine  neue  Zeit  für
die  Geburtshilfe.  Aus  verschiedenen,  aus  dem  Mittelalter  erhaltenen  Abbildungen
  sieht  man  während  der  Entbindung  sowohl  die  stehende  wie  die
sitzende  Lage  einnehmen.  Aus  letzterer  ging  der  Geburtsstuhl  hervor.
Wieviel  mehr  Körperkraft  gehört  dazu,  knieend,  stehend,  sitzend  zu  gebären,
statt  liegend,  wie  es  jetzt  die  Europäerin  tut,  welche  meist  so  geschwächt
dabei  ist,  daß  sie  in  anderen  Stellungen  ohnmächtig  würde,  und  doch
erschwert  sicherlich  die  liegende  Stellung  die  Geburtsarbeit.
Kräftige  Frauen  könnten  daher  ruhig  kauernd,  knieend  oder  stehend  das  Gebären
  versuchen;  sie  werden  sich  überzeugen,  daß  sie  in  solcher  Stellung  viel
aktiver  bei  dem  Vorgange  sind  und  daher  raschere  Fortschritte  machen.

Der  Geburtsstuhl,  wie  er  in  Deutschland  im  16.  Jahrhundert  hergestellt
  wurde,  ist  uns  in  Fig.  208  vorgeführt.  Sehr  bequem  kann  man  ihn
nicht  nennen,  aber  für  die  Hilfeleistenden  vielleicht  recht  angenehm,  weil  man
zur  Kreißenden  von  allen  Seiten  herankommen  konnte  und  unter  ihrem
Becken  sich  ein  Hohlraum  befindet,  in  welchem  sich  Gefäße  einschieben  ließen.