Erste  Pflege  des  Neugeborenen.  357

ausgereifte  Kind  den  Mutterleib  verläßt,  wird  es  von  einem  ungewohnten
Reiz  getroffen,  der  Luft,  und  fast  gleichzeitig  hört  seine  Ernährung  durch  die
Nabelschnur  auf;  unter  diesen  Verhältnissen  tritt  eine  Anderung  in  seinem
Blutlauf  ein;  die  Gefäße  der  Lunge  füllen  sich  stärker  mit  Blut,  und  es
tritt  die  erste  Atembewegung  ein.  Sowie  sich  diese  kräftiger  wiederholt,
wird  der  erste  Schrei  ausgestoßen,  der  auf  die  Mutter  einen  so  unbeschreiblichen
  Eindruck  macht.  Er  beweist  ihr,  daß  sie  überstanden  hat,  daß  das
Kind  da  ist,  daß  es  lebt!  Schreit  es  also  kräftig  und  bewegt  es  sich  munter,
so  wartet  man  so  lange  mit  der  Ablösung  der  Nabelschnur,  bis
diese  nicht  mehr  pulsiert,  was  stets  mehrere  Minuten  dauert.  Dann
erst  durchschneidet  man  sie,  nachdem  man  vorher  die  Nabelschnur  an  zwei
Stellen  abgebunden  hat.  Es  geschieht  dies,  um  bei  der  Durchschneidung
Blutverlusten  sowohl  seitens  des  Kindes  wie  der  Mutter  vorzubeugen.  Die
sofortige  Durchschneidung  hat  den  Nachteil,  daß  dem  Kinde  zu  frühe  das
mütterliche  Blut  entzogen  wird,  was  bei  schwächlichen  Kindern  gewiß  nicht
gleichgültig  ist.  Man  hat  diesem  Umstande  in  den  letzten  Jahren  vermehrte
Aufmerksamkeit  geschenkt  und  will  in  verschiedenen  Fällen  eine  gewisse  Lebensschwäche
  der  Kinder  während  der  ersten  Tage  auf  die  zu  rasche  Durchtrennung
der  Nabelschnur  zurückführen.  Wenn  man  die  Ablösung  des  Kindes  von
der  Plazenta  der  Natur  überließe,  so  würde  diese  nur  äußerst  langsam
erfolgen;  das  Pulsieren  in  der  Nabelschnur  dauert  meist  zehn  Minuten,
innerhalb  welcher  Zeit  die  Nachgeburt  bei  kräftigen  Frauen  auch  ausgestoßen
wird.  Statt  die  natürliche  Fäulnis  der  Plazenta  abzuwarten,  überläßt  man
nur  jenen  Nabelschnurrest  sich  selber,  der  auf  dem  Näbelchen  hängt  und
welcher  etwa  zwei  bis  sechs  Tage  braucht,  um  abzufallen,  nachdem  sich  seine
Ansatzstelle  geschlossen  hat  und  seine  Gefäße  verödeten.  Bei  ungestörter
Abheilung  ist  der  Nabel  dann  verschlossen,  bedarf  aber  seiner  zarten  Gewebe
wegen  noch  des  außeren  Schutzes,  welcher  durch  eine  weiche  Trikotbinde  von
etwa  drei  bis  vier  Zentimeter  erreicht  wird.  Bilden  sich  Wucherungen  und
Entzündungen,  entstehen  Blutungen,  bleibt  er  vorgebuchtet,  als  ob  ihn  Eingeweide
  herausdrückten,  dann  muß  ärztliche  Hilfe  herbeigeholt  werden.  Feuchte
Aufschläge  sind  oft  nicht  wirksam  genug,  Blutungen  können  gefährlich  werden,
aus  der  unvollständigen  Heilung  kann  ein  Nabelbruch  entstehen  usw.  Eine
kleine  Atzung,  bei  Eiterung  eine  zarte  Ausschabung,  Austupfung  mit  schwacher
Borsäurelösung,  fester  trockener  Verband  bei  größter  äußerer  Reinlichkeit,
später  zur  Kräftigung  kühle  Aufschläge  werden  zu  normalen  Verhältnissen
führen.  (Siehe  Buchstabe  X  im  III.  Teil  „Heilkunde".)

Fig.  210  stellt  den  Vorgang  der  Abnabelung  dar,  Fig.  428  eine  Nabelschnurbinde
  bei  Nabelbruch  eines  größeren  Kindes.  Säuglingen  kann  man
durch  Heftpflasterstreifen  die  Nabelbinde  ersetzen,  indem  man  je  eine  Hautfalte
rechts  und  links  vom  Nabel  über  diesen  zieht  und  durch  die  Heftpflasterstreifen
verbindet.  Dadurch  übt  man  einen  Druck  aus,  welcher  viel  weniger  unangenehm