360  Erste  Pflege  des  Neugeborenen.

Schlaf  werden  die  Mutter  allmählich  schon  in  den  Stand  setzen,  die  nötige
Nahrung  zu  erzengen.  Sollte  das  Kind  sehr  hungrig  scheinen,  dann  gebe
man  ihm  etwas  laues  Wasser  mit  kleinen  Mengen  Milchzucker  und
lasse  es  lieber  auch  einmal  ein  wenig  schreien.  In  den  armen  kleinen  Magen
allerlei  Tee  zu  gießen  oder  gar  mit  Kuhmilch  zu  beginnen,  weil  die  Mutter
in  den  ersten  Tagen  zu  wenig  Nahrung  hat,  ist  sehr  unvorsichtig  und  kann
recht  üble  Folgen  haben.  Ein  klein  wenig  hungern  schadet  dem  Kinde  viel
weniger  als  die  Sättigung  mit  unpassenden  Nahrungsmitteln.  Dies  halte  man
fest,  wenn  auch  Hebammen  und  Großmütter  auf  Sättigung  dringen.  Man
wird  sich  dadurch  unruhige  Nächte,  dem  Kinde  schlechten  Stuhlgang  oder  noch
Schlimmeres  ersparen.  Auch  muß  davor  gewarnt  werden,  den  Säugling  an
das  Saughütchen  zu  gewöhnen,  bevor  er  die  Brust  nehmen  gelernt  hat;  denn
oft  verweigert  er  darnach  die  Brust,  weil  die  Nahrungsaufnahme  durch  das
Gummihütchen  müheloser  ist.  Es  entstehen  dann  neue  Schwierigkeiten,  die
Mutter  und  Kind  schädigen.  Man  beugt  ihnen  vor  durch  Behandlung  der
Warzen,  (Zupfen,  Ziehen,  Einölen),  auch  durch  Anwendung  warmer  Aufschläge
bei  zögerndem  Milcheintritt  und  durch  laues  Milchzuckerwasser  für  das  Kind,
das  man  mit  einem  kleinen  Löffel  einflößt.

In  bezug  auf  die  Häufigkeit  der  Sättigung  genügt  für  die  ersten  zwei
Monate  zweistündliches  Anlegen  des  Kindes,  später  dreistündliches.  Während
der  Nacht  aber  halte  man  vom  Tage  der  Geburt  an  strenge  Ruhe
ein.  Die  letzte  Mahlzeit  setze  man  auf  zehn  Uhr  abends  fest,  die  erste  auf
fünf  oder  sechs  Uhr  morgens,  und  dazwischen  bleibe  man  unerbittlich.  Wie
gesagt,  ein  wenig  Schreien  schadet  dem  Liebling  nicht,  und  wenn  es  zur  Gewohnheit
  wird,  daß  er  zwischen  zehn  und  sechs  Uhr  nichts  erhält,  so  überlegt
er  sich's  und  schläft  die  Zeit  hindurch.  Inzwischen  ruhen  aber  seine  Verdauungswerkzeuge
  aus,  und  die  Mutter  vor  allem  sammelt  neue  Kräfte;  die
Brüste  sind  morgens  strotzend  gefüllt,  und  es  stellt  sich  bei  ihr  weder  Nervosität
noch  Blutarmut  ein.  Ungestörte  Nachtruhe  ist  jedem  tätigen  Menschen
notwendig,  der  seine  Gesundheit  erhalten  will;  aber  sie  ist  einer  stillenden
Frau,  die  durch  ihren  Körper  ein  anderes  Leben  fördern  soll,  doppelt  unentbehrlich.
  Möchte  diese  Tatsache  von  allen  jungen  Frauen  mehr  beachtet
werden!  Die  Zahl  der  geschwächten  und  nervösen  Frauen,  die  monatelang
die  notwendige  Nachtruhe  entbehren,  ist  leider  sehr  groß,  und  das  Glück,
das  ein  Kind  ins  Haus  gebracht,  wird  oft  durch  die  körperliche  Schwächung
seiner  Mutter,  die  reizbare  Stimmung,  die  allgemeine  Ermüdung  wieder
aufgewogen.  Und  doch  liegt  es  in  der  Hand  der  Eltern,  das  Kind  vom
ersten  Tag  an  richtig  zu  gewöhnen.  Man  darf  nicht  bei  jedem  Laut  des
Kindes  aufspringen,  man  darf  nachts  kein  Licht  brennen  lassen  und  auch  nicht
alle  zwei  Stunden  trocken  legen  wollen;  wohl  aber  muß  man  den  Tag  so
einteilen,  daß  auf  zehn  Uhr  die  letzte  Mahlzeit  fällt,  und  man  muß  das
Kind  sogar  wecken,  wenn  es  anfangs  gerade  diese  Zeit  durchschlafen  will