366  Erste  Pflege  des  Neugeborenen.

Die  Amme.

Es  gibt  Gegenden  und  gesellschaftliche  Kreise,  in  welchen  das  Ammenwesen
  sehr  ausgebildet  ist.  Mittellose  Frauen  aus  dem  Volke  schätzen
Ammendienste  als  eine  der  schönsten  Einnahmequellen,  und  bemittelte  Frauen
aus  den  höheren  Ständen  begreifen  gar  nicht,  wie  man  ohne  Amme  auskommen
  könne.  Auf  einer  Seite  läßt  man  ein  kräftiges  Kind  bei  elender
Verpflegung  und  ohne  Muttermilch  verkommen,  und  auf  der  anderen  Seite
zieht  man  ein  schwächliches  sorgfältig  auf;  eine  Mutter  muß  treulos  an
ihrem  Sängling  handeln  und  sich  einem  fremden  widmen,  und  die  andere
Mutter  kann  ihren  Vergnügungen  nachgehen  und  die  ihr  heilig  sein  sollenden
Mutterpflichten  von  einer  fremden  Frau  ausüben  lassen.  Welche  Verschiebung
natürlicher  Verhältnisse!

Aber  welche  Bedeutung  hat  die  Amme  in  gesundheitlicher  Hinsicht?
Für  ein  mutterloses  Kind,  dem  die  natürliche  Nahrung  fehlt,  natürlich  die
allergrößte.  Für  unzählige  Säuglinge  wohlhabender  Eltern  wurde  die  Amme
das  lebensrettende  Moment,  ihr  verdanken  sie  fröhliches  Gedeihen  und  eine
Gesundheit,  wie  sie  die  eigene  Mutter  nie  verleihen  konnte.  Für  alle  Mütter,
die  durch  Verbildung  der  Brüste,  allgemeine  Schwäche,  schlechte  Beschaffenheit
der  Milch  unfähig  sind,  ihr  Kind  selbst  zu  stillen,  ist  daher  zur  Erhaltung
ihres  Säuglings  eine  gesunde  Amme  das  Wünschenswerteste;  aber,  müssen
wir  fragen,  was  hat  mit  dem  Säugling  der  Amme  zu  geschehen?  Welchen
Nutzen  erfährt  die  Volksgesundheit,  wenn  wir  einen  Säugling  verkommen
lassen,  um  einen  anderen  zu  retten,  zumal  die  körperliche  Beschaffenheit  des
geretteten  meist  eine  schlechtere  zu  sein  pflegt,  als  die  des  von  seiner  Mutter
verlassenen?  Der  Egoismus  der  wohlhabenden  Klassen,  ihre  Rücksichtslosigkeit
  gegen  die  arme  Bevölkerung  darf  uns  nicht  zur  Richtschnur  dienen;
wir  haben  vielmehr  im  spartanischen  Sinne  eher  dafür  zu  sorgen,  daß  die
kräftigen,  wohlgebildeten  Kinder  auch  die  beste  Pflege  finden,  damit  die
Gesundheit  des  Volkes  sich  immer  wieder  erneuere,  nicht  aber  infolge  Vernachlässigung
  die  Friedhöfe  durch  sie  bevölkert  werden,  oder  ein  Menschenschlag
aus  ihnen  entstehe,  der  der  menschlichen  Gesellschaft  die  meisten  Verbrecher
und  Unbrauchbaren  liefert.  Man  verfolge  das  Schicksal  der  meisten  Ammenkinder!
  Man  wird  Haarsträubendes  entdecken.

Das  weibliche  Geschlecht  hat  in  erster  Linie  die  moralische  Pflicht,
Stellung  zu  diesen  Verhältnissen  zu  nehmen,  und  daher  wollen  wir
den  Frauen  mit  diesem  Kapitel  Hinweise  geben,  welche  sie  befähigen
werden,  nach  einwandfreien  Grundsätzen  zu  handeln.  Wir  stellen  folgende
Leitsätze  auf:

1.  Jede  Mutter,  von  der  Bäuerin  bis  zur  Königin,  hat  die  heilige
Pflicht,  ihr  Kind  selbst  zu  stillen.