Künstliche  Ernährung  des  Säuglings.  360

der  Unbekömmlichkeit  der  Kuhmilch  mit:  die  Unreinlichkeit,  mit  der  sie  in  den
kindlichen  Magen  gelangt  und  die  viel  bedeutender  ist,  als  man  sich  dies  vorstellt.
Das  Brustkind  empfängt  seine  Milch  direkt  aus  dem  mütterlichen  Organismus
in  richtiger  Temperatur  und  Beschaffenheit;  die  Muttermilch  ist  absolut  rein
und  enthält  keinerlei  zufällige  Bestandteile;  die  Kuhmilch  dagegen  ist  der  Luft
ausgesetzt,  nimmt  allerlei  Keime  aus  dieser  auf,  kommt  mit  dem  Euter  der
Kuh,  der  Hand  des  Melkers,  mit  verschiedenen  Milchgefäßen  in  Berührung,
wird  schließlich  dem  Einfluß  des  Feuers  ausgesetzt,  um  die  nötige  Temperatur
für  das  Kind  zu  erreichen,  oder  sie  wird  tüchtig  gekocht,  wobei  sie  manches
einbüßt  und  sich  verändert.  Vor  allem  wird  durch  den  Prozeß  des  Kochens
der  Käsestoff  derber,  der  Wassergehalt  vermindert.  Nun  ist  man  gezwungen,  zur
Verdünnung  Trinkwasser  zuzusetzen,  dessen  Bestandteile  dem  kindlichen  Magen
noch  nicht  in  solchen  Mengen  notwendig  sind.  Um  es  wenigstens  von  Sand
und  organischen  Keimen  zu  befreien,  kocht  man  es  vor  der  Verwendung  gleichfalls
  ab.  Aber  kann  eine  so  umständlich  gewonnene  Nahrung  dann  noch  als
natürlich  bezeichnet  werden?  Unterscheidet  sie  sich  nicht  in  hohem  Grade
von  der  Muttermilch?  Gewiß  wird  der  Leser  jetzt  ausrufen:  Kein  Wunder,
wenn  so  viele  Kinder  sie  nicht  vertragen  oder  nur  kümmerlich  dabei  aufwachsen!
  Bei  solcher  Verwendung  bleibt  sie  ein  elender  Notbehelf.  Anders
wäre  es  nur,  wenn  man  das  Kind  direkt  an  die  Euter  der  Kuh  legen  könnte,
damit  es  seine  Nahrung,  wie  das  Kalb,  rein  und  in  richtiger  Temperatur
empfangen  könnte.  Aber  dies  ist  ja  nicht  ausführbar.

Da  die  Sterblichkeit  der  künstlich  aufgezogenen  Kinder  außerordentlich
groß  ist,  war  man  von  jeher  bemüht,  bessere  Ersatzmittel  für  die  Muttermilch
zu  schaffen.  Unzählige  Kindernährmittel  sind  auf  den  Markt  geworfen  worden,
haben  auch  da  und  dort  ihre  Aufgabe  anscheinend  erfüllt;  keines  aber
bewährte  sich  in  allen  Fällen,  keines  genügte  allen  Auforderungen,
wie  die  Muttermilch  dies  tut.

Bevor  wir  die  besten  unter  ihnen  aufzählen,  wollen  wir  erst  die  Bemühungen
  schildern,  die  in  den  letzten  Jahren  in  bezug  auf  genauere  Aupassung
der  Tiermilch  an  die  Anforderungen  des  kindlichen  Magens  bekannt  wurden.
Vier  Namen  sind  da  am  häufigsten  genannt  worden,  ihre  Träger  haben  sich  entschiedene
  Verdienste  um  die  Verbesserung  der  künstlichen  Ernährung  des  Säuglings
erworben;  es  sind  Soxhlet,  Heubner,  Gärtner  und  Backhaus.

Soxhlet  hat  durch  seinen  Milchsterilisierungsapparat  (Fig.  214
erreicht,  daß  der  Säugling  trotz  des  langen  Weges,  den  die  Kuhmilch  zurücklegen
  mußte,  bis  sie  zu  ihm  gelangte,  keimfreie,  also  wirklich  reine  Milch
erhielt,  wodurch  viele  kränkliche  Kinder  geheilt,  andere  vor  Erkrankung  überhaupt
  bewahrt  wurden.  Die  Kuhmilch  enthält  wenige  Stunden  nach  dem
Melken,  d.  h.  so  wie  sie  dem  Städter  ins  Haus  zugestellt  wird,  in  jedem  Kubikzentimeter
  mehr  als  100000  Pilzkeime.  In  sehr  reinlichen  Milchwirtschaften
kann  dieser  Gehalt  an  Mikroorganismen  (kleinsten  Lebewesen)  bis  auf  10  000

Die  Frau  als  Hausärztiin.  21