372  Künstliche  Ernährung  des  Säuglings.

Durch  einen  Zentrifugal-Apparat  (durch  Schlendern  sondert  sich  der  Fett—
gehalt  der  frischen  Vollmilch  ab)  gewinnt  er  eine  fettarme  und  eine  über—
fette  Milch;  die  letztere  wird  mit  Wasser  und  Milchzucker  vermischt  und
kommt  in  ihrer  Zusammensetzung  der  Muttermilch  am  nächsten.  Selbstverständlich
  wird  auch  diese  „Gärtnersche  Fettmilch“  sterilisiert.  Sie  hat  es
besonders  nötig;  denn  durch  die  umständliche  Behandlung  der  frischgemolkenen
Kuhmilch,  ihre  Berührung  mit  verschiedenen  Gefäßen  usw.  ist  eine  ganz
bedeutende  Verunreinigung  gar  nicht  zu  umgehen.

Professor  Dr.  Backhaus  ist  der  Lösung  der  Aufgabe,  die  Kuhmilch
der  menschlichen  Milch  ähnlicher  zu  gestalten  und  dadurch  die  künstliche  Ernährung
  derjenigen  Säuglinge,  welchen  die  Muttermilch  fehlt,  wesentlich  zu
erleichtern,  sehr  nahe  gekommen.  Durch  ein  kunstvolles  Verfahren  wird  das
überschüssige,  für  den  kindlichen  Magen  so  schwer  verdauliche  Kasein  der
Kuhmilch  teils  in  leichtverdauliches  Eiweiß  übergeführt,  teils  ausgeschieden,
dann  wird  Rahm,  Wasser  und  Milchzucker  zugesetzt  und  drei  verschiedene
Milchsorten  hergestellt,  um  den  verschiedenen  Altersstufen  des  Kindes  Rechnung
  zu  tragen.  Es  wird  eine  überraschende  Keimfreiheit  der  Milch  erzielt
und  dadurch  auch  große  Haltbarkeit.  Nach  vorliegenden  Berichten  sind  die
Erfolge  bei  gesunden  sowie  kranken  Sänglingen  ganz  vortreffliche.

Die  Erfolge  mit  diesen  Milchmischungen  sind  gute,  und  sie  unterscheiden
sich  durch  Exaktheit  auch  wesentlich  von  den  unvollkommenen  Methoden  der
künstlichen  Säuglingsernährung,  wie  sie  vordem  üblich  waren;  wo  die  Muttermilch
  versagt,  raten  wir  daher,  mit  der  Backhaus-Milch  zu  beginnen
und  erst  dann,  wenn  auch  diese  bei  aller  Sorgfalt  nicht  vertragen  wird,
die  nachfolgend  angegebenen  Kindernährmittel  zu  versuchen.

Alljährlich  werden  aber  auf  dem  Gebiete  der  Ernährung  und  Hygiene
neue  Erfindungen  gemacht  und  wirkliche  Fortschritte  erzielt.  Wir  dürfen
daher  nicht  versäumen,  auch  auf  den  Nährzucker  von  Soxhlet  hinzuweisen,
  welcher  die  abführende  Wirkung  des  gewöhnlichen  Milchzuckers
nicht  besitzt  und  sich  in  der  Säuglingsernährung  gut  bewähren  soll.

An  die  erste  Stelle  unter  den  künstlichen  Nährmitteln  gehört  die
Dr.  Lahmannsche  Pflanzenmilch.  Sie  ist  aus  Mandeln  und  verschiedenen
Samen  gewonnen  und  soll  als  Zusatz  zur  Kuhmilch  ihren  Fett=  und  Zuckergehalt
  korrigieren.  Man  gibt  für  Neugeborene  auf  125  Gramm  Kuhmilch
375  Gramm  Wasser  und  50  Gramm  vegetabile  Milch,  also  auf  zwei  Teile
der  letzteren  fünf  Teile  der  Tiermilch  und  fünfzehn  Teile  Wasser,  und  steigert
die  Milchmenge  ohne  die  Pflanzenmilch  (50  Gramm)  zu  verändern.  So
bekommt  man  schließlich  für  ein  acht  Monate  altes  Kind  unverdünnte  Kuhmilch,
welcher  man  nur  in  etwas  Wasser  aufgelöste  Pflanzenmilch  (50  Gramm)g  zusetzt.
Die  Gesamtnahrungsmenge  würde  anfangs  für  24  Stunden  etwa  500  Gramm
betragen,  dann  nach  Appetit  und  Alter  des  Kindes  langsam  bis  zu  1200
Gramm  aufsteigen.