374  Künstliche  Ernährung  des  Säuglings.

Die  anderen,  oft  so  sehr  angepriesenen  Kindernährmittel  bestehen  vorwiegend
  aus  verschiedenen  Mehlsorten,  enthalten  also  Stärke,  welche  durch
den  Speichel  des  menschlichen  Verdauungskanals  in  Zucker  übergeführt  wird.
Die  Tätigkeit  der  Speicheldrüsen  beginnt  beim  Menschen  erst  vom  sechsten
Monat  an,  bei  schwächlichen  Kindern  erst  am  Ende  des  ersten  Lebensjahres;
die  nächste  Folge  davon  ist  die  Unfähigkeit  der  Säuglinge,  mehlhaltige  Nahrung
zu  verdauen.  Sie  macht  Beschwerden,  geht  unausgenützt  ab,  und  das  Kind
magert  ab,  statt  zu  wachsen  und  zu  gedeihen.  Allerdings  müssen  wir  annehmen,
daß  bei  sehr  kräftigen  Kindern,  wie  wir  sie  oft  auf  dem  Lande  finden,  früher
schon  eine  Art  Anpassung  an  die  gereichte  Nahrung  eintritt;  denn  wir  sehen
auch  drei  Monate  alte  Kinder  bei  Mehlbrei  ganz  gut  gedeihen  und  ohne  Skrofulose
  heranwachsen;  es  ist  dies  aber  leider  nicht  bei  den  schwächlichen  Kindern  der
Städter  der  Fall,  die  bei  Mehlnahrung  an  Diarrhöen  jämmerlich  zugrunde
gehen.  Es  ist  daher  nicht  gleichgültig,  welchem  Kinde  wir  Brei  geben  und  in
welchem  Alter  wir  damit  beginnen.  Im  letzten  Viertel  des  ersten  Lebensjahres
werden  es  die  meisten  ertragen,  besonders  wenn  sie  bis  zum  neunten  Monat
Muttermilch  erhalten  haben;  im  ersten  Viertel  dagegen  werden  die  meisten  erliegen.

Nach  einer  Statistik  starben  in  Oberbayern  bei  vorwiegender  Breinahrung
39  %  der  Kinder  unter  einem  Jahre,  in  der  Pfalz  dagegen  bei  Milchnahrung
nur  18  %;  also  ist  hiernach  die  Sterblichkeit  bei  Mehlnahrung  2⅛  mal  so
groß  als  bei  Milchnahrung.

Unter  den  zahlreich  aufgetauchten  Nährmitteln  heben  wir  das  altbewährte,
  vorzügliche  Nestlesche  Kindermehl  hervor,  das  mit  Wasser  oder
Milch  verdünnt  aufgekocht  wird.  Auch  die  Löflundschen  Milchzwiebacke
werden  empfohlen.  Dann  kommt  Kufeckemehl  und  für  halbjährige  Kinder
auch  das  Hämostogen  von  Loeffler  in  Betracht.  So  gut  diese  Nährmittel
  auch  alle  sind,  so  wird  man  doch  immer  wieder  erleben,  daß  sie  niemals
  bei  jedem  Kinde  anschlagen.  Hier  gedeiht  eines  ganz  vortrefflich  dabei,
dort  aber  geht  ein  anderes  zugrunde.  Daher  müssen  oft  viele  probiert  werden,
bis  man  bei  einem  endlich  bleiben  kann.  Daß  jede  Probe  und  jeder  Wechsel
aber  auch  ernste  Gefahren  für  einen  schwächlichen  Säugling  bringt,  liegt  auf
der  Hand.  Als  Brei  sind  geröstetes  Hafermehl,  Reis-,  Gersten=  oder  Arrowrootmehl
  oft  in  Anwendung.  Reis=  oder  Haferschleim  setzt  man  gerne  der
Milch  für  ganz  junge  Kinder  zu  und  wird  oft  ganz  gut  vertragen;  Grießbrei
gibt  man  vielfach  auf  dem  Lande,  obwohl  er  seine  großen  Gefahren  hat.
Alle  mehlhaltigen  Getränke,  alle  Breie  werden  als  mäßige  Zukost
der  Milch  im  zweiten  Halbjahr  von  gesunden  Kindern  meist  gut  vertragen,
im  dritten  Halbjahr  wohl  ausnahmslos.  Fleisch  und  Eier  dagegen  im
ersten  Lebensjahre  zu  geben,  ist  ganz  verkehrt,  weil  auch  diese  nicht  verdaut
werden  und  nur  schwere  Reizerscheinungen  hervorrufen.  Leider  sind  so  viele
Mütter  von  dem  Wahne  beherrscht,  sie  müßten  ihre  Kinder  mit  Fleischbrühe
und  rohe  Eier  „kräftigen“,  und  kennen  doch  den  wahren  Vorgang  dabei