Krankhafte  Zustände  des  Sänglings.  375

nicht.  Wären  die  Säuglinge  imstande,  alles  aufgenommene  Eiweiß  zu  verwerten,
  so  hätten  sie  in  der  Milch  reichlich  davon;  vermögen  sie  nicht  mehr
die  ihnen  von  der  Natur  bestimmte  Nahrung  auszunützen,  dann  haben  sie
noch  weniger  Kräfte,  die  ihnen  so  fremdartigen  Nahrungsstoffe,  wie  Fleischbrühe
und  Eier,  zu  verwerten.  Außerdem  enthält  die  Fleischbrühe  wohl  reichlich
herzerregende  Salze,  auch  Fett,  aber  sonst  nicht  viel,  das  für  den  Säugling  in
Betracht  käme,  und  ganze  Eier  erweisen  sich  selbst  bei  zweijährigen  Kindern  oft  so
schädlich,  daß  wir  nur  dringend  von  dergleichen  Nährversuchen  abraten  können.

In  bezug  auf  die  Temperatur  aller  künstlichen  Nährmittel  ist  zu
beachten,  daß  sie  der  Muttermilch  möglichst  ähnlich  seien;  diese  aber  hat
Blutwärme,  das  ist  beiläufig  29°  R.  Mit  Thermometer  die  gewärmten
Flaschen  zu  messen,  ist  nicht  anzuraten;  man  kann  sich  von  ihrem  Wärmegrad
überzeugen,  indem  man  die  verschlossenen  Flaschen  an  das  geschlossene  Auge
drückt.  Entsteht  am  Augenlid  ein  brennendes,  unangenehmes  Gefühl,  dann  ist
die  Milch  zu  heiß  gewesen  und  muß  noch  etwas  abkühlen;  wird  dagegen  die
Flasche  angenehm  lau  empsunden,  dann  ist  sie  passend  für  das  Kind.  Man
bleibe  sich  stets  bewußt,  daß  kühle  Milch  weniger  schädlich  für  den  Säugling
ist  als  zu  warme.

20

Krankbafte  Zustande  des  Säuglings.

Da  Säuglinge  noch  nicht  sprechen,  müssen  wir  auf  ihr  Aussehen  und
ihre  Stimme  achten,  um  Veränderungen  in  der  Gesundheit  zu  bemerken,  bevor
sie  gefährlichen  Charakter  annehmen.  Wenn  ein  Kind  voll,  gut  gefärbt  und
mit  ruhigem  Gesichtsausdruck  daliegt,  wenn  es  die  Armchen  gebengt  und
nach  oben  hin  bewegt,  mit  den  Beinen  strampelt,  dann  ist  es  gesund  und
wohlgemut.  Wenn  seine  Gliederchen  aber  schlaff  herunterhängen,  der  Gesichtsausdruck
  schmerzlich  verzogen,  unruhig  oder  starr  ist,  die  Gesichtssarbe  blaß
oder  fahl,  wohl  auch  übermäßig  gerötet  ist,  die  Stimme  heißer,  wimmernd
oder  krampfartig  klingt,  dann  ist  das  Kind  krank.  Schon  am  schlafenden  Kind
läßt  sich  manches  erkennen  nach  seiner  freiwilligen  Lage,  der  Art  des  Atmens
und  dem  Ausdruck  des  Gesichtes.  Wenn  die  Fäustchen  in  der  Nähe  des  Gesichtes
  liegen  (Arme  also  gebeugt),  dann  ist  dies  stets  ein  gutes  Zeichen,  ebenso,
wenn  es  lächelt  und  bekannten  Personen  Aufmerksamkeit  schenkt.  Wirklich
kranke  Kinder  tun  dies  nicht,  und  bemüht  man  sich,  sie  durch  allerlei  Kunststückchen
  zum  Lachen  zu  bringen,  dann  fangen  sie  zu  weinen  an  oder  bleiben
wohl  auch  apathisch.  Bestimmte  Krankheiten  aber  nach  solchen  Anzeichen  festzustellen,
  ist  für  den  Nichtarzt  recht  schwierig  und  führt  zu  gefährlichen  Irrtümern.
Die  wichtigsten,  weil  am  häusigsten  auftretenden  krankhaften  Zustände,  von
welchen  die  Mütter  Kenntnis  haben  müssen,  führen  wir  im  folgenden  an:

Der  Scheintod  des  Neugeborenen  (Asphyxic).  Nach  langen  Geburten
  oder  operativen  Eingriffen  leidet  das  Kind  oft  schon  im  Mutterleibe.