388  Ernährung  des  Säuglings.

saugen,  nicht  aber  zu  kauen  oder  feste  Nahrung  zu  schlucken;  es  soll  daher
feste  Nahrung  erst  dann  gereicht  werden,  wenn  das  kindliche  Gebiß  nahezu
vollständig  ist.  Im  Durchschnitt  beginnt  das  Zahnen  im  fünften  bis  achten
Monat;  es  wird  leicht  überstanden,  wenn  das  Kind  seine  natürliche  Milch—
quelle  auch  während  dieser  Zeit  behält.  Vor  dem  neunten  bis  zwölften
Monat  sollte  daher  nur  flüssige  Kost  gereicht  werden.  Auf  dem  Lande  sehen
wir  häufig  Kinder,  welche  allein  von  ihrer  kräftigen  Mutter  ein  Jahr  lang
und  darüber  ernährt  werden.  Ums  Zahnen  sich  dort  zu  bekümmern,  hat
niemand  Zeit,  das  kommt  allein  zustande.  Wohl  aber  sterben  zahllose
Kinder  im  ersten  halben  Jahr,  die  schon  in  diesem  zarten  Alter  Breie  erhielten.
  (Siehe  Seite  361.)

Wir  wiederholen  demnach:  die  Mutterbrust  solange  als  möglich
dem  Kinde,  am  besten  zehn  bis  zwölf  Monate  lang,  natürlich  vorausgesetzt,
daß  die  Mutter  ganz  gesund  ist  und  das  Kind  dabei  sichtlich  gedeiht.

Anders  fällt  unsere  Antwort  aus,  wenn  die  Mutter  versagt  oder  das
Kind  an  der  Brust  nicht  recht  gedeihen  will,  was  bei  schwächlichen,  nervösen
Müttern  leider  gar  nicht  so  selten  zu  beobachten  ist.  Kummer  der  Mutter,
unruhiges  Leben  mit  häufigem  Arger,  wie  es  bei  Geschäftsfrauen  das
Gewöhnliche  zu  sein  pflegt,  kann  die  Milch  so  verändern,  daß  die  Säuglinge
mager  bleiben,  plötzliche  Durchfälle  bekommen  oder  Tag  und  Nacht  unruhig
sind  und  sehr  schlechten  Schlaf  haben.  Das  sei  ein  Fingerzeig,  wie  die
säugende  Mutter  zu  leben  habe!  Dann  tritt  leider  die  künstliche  Ernährung
in  ihre  Rechte,  wenn  das  Kind  nicht  schon  so  elend  ist,  daß  es  vielleicht
nur  mehr  durch  eine  gesunde  Amme  zu  retten  ist.  In  solchen  Fällen  verschiebt
sich  aber  auch  der  Eintritt  der  festen  oder  gemischten  Nahrung  zuweilen  bis
hoch  ins  zweite  Lebensjahr  hinein.  Schwächliche  Kinder  müssen  länger
flüssige  Kost  bekommen.  Empfehlenswert  ist  es  und  meist  durch  die  Ungeschicklichkeit
  der  Kinder  bedingt,  einen  Übergang  zur  festen  Nahrung  durch  die
dickflüssige  zu  bilden.  Diesen  übergang  geben  uns  die  Breichen,  bestehend
aus  einem  Mehle,  das  in  Milch  mit  etwas  Zuckerzusatz  eingerührt  wird.  Auf
dem  Lande  wird  nach  alter  Sitte  gewöhnliches  Weizenmehl  genommen,  auch
feiner  Grieß  ist  vielfach  üblich.  Besser  ist  Hafergrütze,  Albert-Kakes,
Nestlesches  Mehl,  später  feines  Weizenschrotmehl  und  anderes.  Doch  machen  wir
darauf  aufmerksam,  daß  zuviel  Mehlnahrung  auch  dem  gesunden  Kinde  nicht
vorteilhaft  ist;  es  wird  leicht  zu  fett  davon  oder  bekommt  harten  Stuhl.
Immer  vorausgesetzt,  daß  Milch  die  Hauptnahrung  ist  und  daß  nach  der
Entwöhnung  der  Brust  gute  Kuhmilch  die  Muttermilch  ersetzen  muß,  weil
kein  Nahrungsmittel  eine  so  vollkommene  Zusammensetzung  hat  und  so  viel
Kalk  enthält,  müssen  wir  ausgewählte  Früchte  als  die  beste  Zukost  bezeichnen.
Naturfreunde  und  vereinzelte  Arzte  wollen  schon  beim  vier  Monate  alten
Kinde  mit  Wurzeln  und  saftigen  Früchten  beginnen,  welches  Verfahren  sich
aber  nicht  begründen  läßt,  solange  gute  Muttermilch  ausreichend  vorhanden