Ernährung  des  Säuglings.  389

ist.  Wir  wollen  nicht  bestreiten,  daß  sehr  kräftige  Kinder  Mehle  und  Früchte
auch  so  frühzeitig  schon  vertragen,  d.  h.,  daß  sie  nicht  ernstlich  dadurch
erkranken;  der  größere  Teil  der  Kinder  wird  in  diesem  Alter  die  Mischung
der  Milch  mit  Obstsäuren  und  Pflanzenfasern  aber  nicht  leicht  bewältigen
und  recht  unangenehme  Verdauungsstörungen  bekommen.  Dies  gilt  besonders
für  Flaschenkinder,  deren  schwacher  Magen  schon  mit  der  schwereren  Kuhmilch
genügend  zu  kämpfen  hat.  Um  sicher  zu  gehen,  raten  wir  im  allgemeinen,
vom  letzten  Viertel  des  ersten  Lebensjahres  an  mit  zarten  Früchten
zu  beginnen.  Wichtig  ist  dabei  die  Form,  in  welcher  wir  sie  reichen.  Das
Verschlucken  großer  Stücke,  weil  die  Kinder  noch  nicht  kauen,  ist  dem  nur  an
flüssige  Nahrung  gewöhnten  Magen  nicht  zuträglich;  wir  müssen  daher  Apfel
geschabt,  Beerenobst  zerdrückt  und  verrieben,  Steinobst  entkernt  und  geschält
geben.  Am  leichtesten  verdaulich  sind  reine  Obstsäfte.  Frischer  Apfelsinensaft,
geschabte  rohe  Apfel,  zerdrückte  frische  Erdbeeren  dürften  das  erste  sein,  was
wir  ungestraft,  anfangs  nur  in  kleinen  Mengen,  geben  können.  Niemals  gebe
man  Kindern,  die  noch  nicht  kauen  können,  große  Stücke  Apfel,  Birnen  oder
Gebäck  in  die  Hände.  Ein  für  die  Umgebung  und  das  Kind  sehr  beängstigendes
  Verschlucken  mit  Erstickungsanfällen  ist  die  gewöhnliche  Folge  davon.

Später  versuche  man  es  mit  breiförmigen,  gedämpften  Gemüsen,  wie
Spinat,  Möhren,  grünen  Erbsen  usw.,  und  vermeide  die  blähenden,  wie  Kohlarten,
  Weiß=  und  Rotkraut.  Erst  wenn  das  Kind  seine  Zähnchen  gebrauchen  gelernt,
  kann  man  ihm  eine  rohe  Möhre  in  die  Hand  geben,  einen  ganzen  Apfel  und
anderes.  An  Fleischspeisen  oder  gemischten  süßen  Speisen  der  Erwachsenen  sollten
kleine  Kinder  niemals  teilnehmen,  erstens  weil  der  sogenannte  „gute“  Tisch  der
Erwachsenen  viel  zu  reichhaltig  und  ungesund  ist,  zweitens  weil  der  natürliche
Geschmack  der  Kinder  durch  das  Vielerlei  verdorben  wird  und  sie  auch  oft  naschhaft
  und  ansp  uchsvoll  davon  werden.  „Unsere  Kinder  essen  alles  mit“,  ist  eine
Versicherung,  die  der  Arzt  nicht  gerne  hört;  denn  sie  eröffnet  ihm  die  Aussicht
auf  eine  ganze  Reihenfolge  von  Verdauungsstörungen,  nervösen  Erscheinungen,
Unarten  aller  Art,  die  alle  nicht  entstanden  wären,  wenn  man  die  Kleinen  an
ihrem  Extratischchen  mit  besonderem  Küchenzettel  gelassen  hätte.  Rotbackige,
ruhige  Kinder,  nicht  blasse,  nervöse  und  frühreife  werden  der  Lohn  für  unsere
Strenge  sein.

Wir  wiederholen  also:  Nach  reiner  Milchnahrung  bis  etwa  zum  zehnten
Monat  ausgewählte  Früchte,  in  zweiter  Linie  etwas  von  Breien,  die  man
auch  oft  wechseln  kann,  in  dritter  Reihe  grüne  Gemüse.  Größeren  Kindern,
vom  zweiten  Jahre  ab  vielleicht,  gibt  man  mit  Vorteil  auch  gutes  Schrotbrot
und  läßt  sie  ohne  Kaffee,  Bier  und  Fleisch  oder  die  sogenannten  „feinen
Speisen“  ausfwachsen.

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