396  Kleidung  des  Kindes.

Geschlechtes  Veranlassung  gegeben.  Die  geschlossene  Hose  ist  also  in  erster
Linie  ein  Schutzmittel  für  das  Kind;  in  zweiter  Linie  hält  sie  den
Unterleib  warm  und  verhütet  beim  Sitzen  auf  dem  Erdboden  oder  bei  übermäßiger
  Bekleidung  des  Oberkörpers  eine  Erkältung,  durch  ungleiche  Wärmeausstrahlung
  herbeigeführt.  Fig.  225  führt  uns  faltige  Reformhöschen
für  kleine  Mädchen  vor,  welche  Unterröcke  ganz  überflüssig  machen  und  den
Mädchen  wie  den  Jungen  freieste  Beweglichkeit  gestatten.  Die  nachgiebigen
Rockträger  für  Kinder,  von  Frl.  Hardt  hergestellt,  welche  auch  die
„Bretellen“  für  Erwachsene  (Fig.  113)  geschaffen  hat,  haben  den  Vorteil,  daß
der  Rücken  verschieblich  ist  und  die  übereinandergelegten  Träger  (punktierte
Striche  auf  der  Zeichnung)  jeder  Bewegung  der  Rückenmuskeln  folgen.  Der
Brustteil  ist  in  Fältchen  gezogen,  oben  mit  einem  Bändchen  gebunden  und
kann  auch  beliebig  erweitert  werden.  Niemals  dürfen  diese  „Träger“  für
Strümpfe,  Hose  und  Kleid  aus  undurchlässigen  Stoffen  und  unnachgiebig
geschnitten  werden;  denn  sonst  ziehen  wir  Schmalbrust  und  Hochrücken  systematisch
  heran.  Ist  das  Kleidchen  aber  in  einem  Stück,  so  genügen  Achselbänder
  am  Höschen,  und  die  Rockträger  sind  überflüssig.

Sind  die  Beinkleider  aus  farbigem  Stoff,  dann  muß  das  Hemd  um
so  länger  sein,  damit  es  den  Körper  bis  zu  den  Knien  bedeckt.  Grauer
Barchent,  Trikot  oder  Flanell  für  den  Winter,  waschbar  natürlich,  und  leichte
bräunliche  oder  gelbe  Stoffe  für  den  Sommer  eignen  sich  gut.

Die  Hemden  sind  geschlossen  und  lang,  ärmellos  und  mit  Achselschluß
für  den  Sommer,  an  der  Brust  geknöpft  und  mit  Armeln  versehen  für  den
Winter.  Am  gesündesten  ist  es,  nur  Baumwoll-Trikot  tragen  zu  lassen,
dünnen  während  der  heißen  Monate,  dicken  während  der  kalten  Jahresszeit.
Die  langen  Hemden  treten  sofort  an  die  Stelle  der  kurzen,  sobald  Zuverlässigkeit
  in  bezug  auf  Reinlichkeit  eintritt  und  das  Kind  gelernt  hat,  seine
Notdurft  anzuzeigen  und  Gefäße  zu  benützen.  Bei  kräftigen  Kindern  kann
man  mit  der  Gewöhnung  an  das  „Töpfschen“  schon  im  fünften  Monat  beginnen.
  Fangen  die  Kinder  zu  laufen  an,  was  mitunter  schon  mit  acht
Monaten  beginnt,  dann  gebe  man  ihnen  nur  dicke  Wollstrümpfchen,  die
sich  leicht  abziehen  und  reinigen  lassen,  auch  gehäkelte  Schühchen,  oder  lasse
sie  auf  Teppichen,  weichem  Sand  usw.  barfuß  herumstampfen,  später  aber  im
Sommer  lockere  Sandalen  und  recht  selten  Strümpfe,  im  Winter  aber
weiche  Tuchschuhe  und  Strümpfe.  Durch  frühzeitiges  Anlegen  dichter,
hoher  Lederschuhe  werden  die  chronisch  kalten  Füße  anerzogen.

Das  Köpfchen  werde  im  Sommer  zum  Schutze  mit  einem  schattenspendenden
  Strohhut  bedeckt;  im  Winter  sind  für  die  ganz  Kleinen  warme
(aber  leichte)  Häubchen  oder  Mützchen  angezeigt.  Lange,  lockige  Haare  sind
wohl  meist  recht  schön  am  Kinderkopfe,  aber  ihrer  Wärme  und  des  schwierigen
  Auskämmens  wegen  für  kleine  Kinder  eine  Qual,  die  täglich  Tränen
kostet.  Da  sind  die  kurzen  Löckchen  entschieden  mehr  am  Platze.