Das  Spiel  des  Kindes.  399

Ein  kalter  Leibwickel  mit  Wärmflasche  an  die  Füße  bei  kühlem  Wetter  wird
immer  beruhigend  und  ableitend  wirken.  Stellt  sich  jedoch  deutliches  Fieber
ein,  zeigt  sich  das  Kind  sehr  verändert,  schwillt  der  geimpfte  Arm  stark  an
und  rötet  sich,  dann  hole  man  einen  Arzt.  Zweimal  täglich  Ganzpackung,
in  240  R.  getaucht,  je  nach  der  Fieberhöhe  halb-  und  einstündig  zu  wechseln,
Bleibeklystiere  von  3  Löffel  Wasser,  18°,  offene  Fenster,  Zitronenlimonade,
frisches  Obst  werden  in  den  meisten  Fällen  genügen,  einer  schweren  Erkrankung
vorzubeugen.  Die  meisten  gesunden  Kinder  überstehen  die  Impfung  gut,
d.  h.  sie  haben  höchstens  ein  leichtes  Unwohlsein,  was  sich  in  verdrießlicher
Stimmung,  unruhigem  Schlafe,  mangelhaftem  Appetit  äußert.  Zuweilen
erkranken  aber  auch  anscheinend  gesunde  Kinder  ganz  ernsthaft.

Die  häufigste  Krankheitsform  ist  der  Impfrotlauf  auf  dem  geimpften
Arme,  der  sich  aber  auch  auf  andere  Körperstellen  erstrecken  kann.  Dann
entstehen  Hautausschläge,  welche  die  Kinder  wochenlang  quälen,  ferner
Drüsenerkrankungen,  Entzündung  der  Schleimhäute,  Krämpfe,
Darmstörungen,  Siechtum.  Der  geimpfte  entzündete  Arm  bekommt
eine  kühle  Packung,  die  man  öfter  wechselt  und  mit  trockener  Watte  auspolstert.

Das  Spiel  des  Kindes.

Wenn  die  „Großen“  spielen,  so  wollen  sie  sich  unterhalten,  erholen,
zerstreuen;  wenn  aber  die  „Kleinen“  spielen,  so  ist  es  ihnen  ganz  ernst
mit  ihrem  Spiele,  das  für  sie  eine  ganz  andere  Bedeutung  hat,  und  zwar
deshalb,  weil  sie  noch  keine  Arbeit  haben,  noch  keine  Pflichterfüllung
kennen.  Daher  auch  die  jubelnde  Lust  des  spielenden  Kindes  und  sein  wahrer,
tiefer  Schmerz,  wenn  etwas  mißglückt.  Will  man  Fähigkeiten,  Charakter
und  Gesundheit  eines  Kindes  ergründen,  dann  beobachte  man  es  nur  im
Spiele:  Es  lebt  sich  aus  im  Spiele,  es  zeigt  dabei  alle  Seiten  seines
innersten  Wesens,  setzt  seine  vollen  Kräfte  dafür  ein.  Darum  hört  das  Kind
auch  zu  spielen  auf,  wenn  es  krank  wird,  und  beginnt  sofort  wieder  zu  spielen,
wenn  die  alten  Seelenkräfte  sich  neuerdings  regen.  Im  Spielen  erprobt  das
Kind  seine  Kräfte,  studiert  seine  Umgebung,  macht  Experimente,  wendet
gesammelte  Beobachtungen  an  und  wächst  an  Geist  und  Kraft.  Je  begabter
es  ist,  desto  sichtbarer!  Daher  gehört  es  zur  Erziehung  des  Körpers  und
des  Geistes,  daß  man  dem  heranwachsenden  Kinde  ein  recht  reiches,  schönes
Gebiet  zum  Spielen  gibt,  daß  man  es  nicht  in  eine  enge,  kleine  Stube  einsperrt,
  nicht  an  die  Hand  einer  unverständigen  Wärterin  bannt,  die  ihm  seine
Freiheit  grausam  beschneidet,  nicht  zum  Sklaven  seiner  Kleidung  macht,